Grasswire: Die Crowd macht die News

Ein neuer englischsprachiger Nachrichtendienst setzt ganz auf die Nutzer: Der Echtzeit Newsroom Grasswire ging vor fünf Wochen offiziell online. Zusätzlich gibt es seit Kurzem eine Android App als Betaversion.

Screenshot Grasswire

Startseite von grasswire.com

Derzeit bietet die Website sieben Themen an, zum Beispiel den Konflikt zwischen Russland und Ukraine, den Konflikt in Libyen und die Entführungen der Boko Haram. Wenn man auf ein Thema klickt, gelangt man zu einem Live-Stream, der sich vor allem aus Tweets, Bildern von Instagram und Youtube-Videos speist.

Screenshot Live-Stream von Grasswire

Live-Stream zum Konflikt zwischen Russland und Ukraine – unten links ist eine Meldung zu sehen, die von den Nutzern mehrheitlich als falsch abgelehnt wurde.

Eingeloggte Nutzer können die  einzelnen News bewerten (Upvote) und kommentieren. Eine zentrale Funktion ist die Überprüfung, denn bei Grasswire füllen die Nutzer die redaktionellen Aufgaben selbst aus: Über die beiden Buttons „Confirm“ und „Refute“ können Nutzer Quellenangaben beisteuern, welche die Richtigkeit der Information bestätigen oder widerlegen. Bisher wurden die Meldungen in den Live-Streams automatisch generiert. In Zukunft sollen auch die Nutzer das Kuratieren übernehmen.

Screenshot eines Eintrags bei Grasswire

Eine einzelne Meldung bei Grasswire – hier mit einer falsifizierenden Quellenangabe durch einen Nutzer

Grasswire ist seit dem 27. Juni dieses Jahres offiziell online. In den ersten drei Wochen seit dem Start konnte die Seite über eine Viertelmillionen Besuche verzeichnen. Vorversionen starteten aber schon deutlich früher. Einen ersten Durchbruch hatte die Seite im April 2013 nach dem Anschlag auf den Boston Marthon, als auf anderen Seiten wie Reddit viele Falschmeldungen kursierten. Auf Twitter ist Grasswire seit Februar 2012 aktiv und hat dort fast 33.000 Follower.

Gründer Austen Allred wurde einerseits inspiriert durch die Bedeutung von Twitter, Blogs und Foren im Arabischen Frühling und im Syrienkonflikt, andererseits durch seine Erfahrungen als er 2011 in China lebte, wo er keine brauchbaren Informationen in den Mainstream-Quellen fand.

Eine formelle Qualifikation im Journalismus hat Allred nicht. Er fühlt sich der Idee verpflichtet, weil er das Bedürfnis der Menschen spürte, selbst Nachrichten zu erzeugen. “I feel like it’s something that needs to exist, something that has to happen, and I think that someone will eventually create it. But since it doesn’t seem to be happening, I am trying to be the one that does it“, sagte er dem Online-Medium GigaOm. Um seine Vision zu realisieren, wohnte er im Sillicon Valley sogar drei Monate in einem Auto. 50.000 Dollar hat er bereits zusammenbekommen und strebt jetzt die nächste Finanzierungsrunde an.

Allred glaubt daran, dass die Seite funktionieren und korrekte Informationen liefern wird, wenn genug Nutzer mitmachen. Dass dies möglich ist, habe Wikipedia gezeigt. Damit Crowdsourcing auch bei kurzlebigeren Nachrichten funktioniert, gibt es die Überprüfungsfunktionen für die Nutzer. So könnte Grasswire tatsächlich eine Lücke schließen, die in anderen Social Media Kanälen bislang fehlte.

Hostwriter: Geschichten, Kollegen und Sofas zum Übernachten

Wie findet man einen Kollegen in Syrien, der einem jetzt gleich eine Information bestätigen kann? Oder mal in die Ukraine reisen, bei anderen Journalisten wohnen und gemeinsam auf dem Majdan recherchieren? Für diese Fälle wäre ein Netzwerk hilfreich, dachten sich die drei Gründerinnen von hostwriter.org, das im Mai startet. Eine von Ihnen, Tabea Grzeszyk, war beim Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) zu Gast. 

CouchSurfing für Journalisten’ trifft es ganz gut. Durch die Fokussierung auf die Bedürfnisse der Berufsgruppe, bietet das Portal aber eben mehr als private Gastgeber mit einem Platz zum Übernachten.

„Hostwriter ist Kombination aus Recherchehilfe und Couchsurfing. Es geht uns um kollaboratives Arbeiten. Wir wollen weg vom Ellenbogenjournalismus. Man kann so viel mehr voneinander profitieren, wenn man sich gegenseitig unterstützt, als es heute vielfach geschieht“, erzählte Tabea Grzeszyk. Ihr Claim ist: find a story – find a colleague – find a couch!

Tabea_Sandra_Tamara

Die drei hinter Hostwriter: Tabea Grzeszyk, Sandra Zistl und Tamara Anthony

Die Idee entstand zusammen mit Sandra Zistl und Tamara Anthony im Verein journalist.network, und zwar aus dem Bedarf heraus. Alle drei sind beruflich international unterwegs. „Ein Aha-Erlebnis für mich war eine Recherchereise nach Damaskus. Ich lebte bei einer jungen Familie und war direkt mitten drin in der gesellschaftlichen Situation. Es war klasse, wie sie mir geholfen haben.“

Im Mai 2013 gewannen die drei das Vocer Innovation Medialab als Förderer. Im September gründeten sie sich als gemeinnützige Unternehmergesellschaft. Die Gründung betreiben sie ehrenamtlich. „Wir sind Journalistinnen und wollen es bleiben. Uns geht es nicht darum, ein Unternehmen aufzubauen, sondern wir wollen das Netzwerk vor allem selbst nutzen“, sagt Tabea Grzeszyk.

Die Hamburger Medienstiftung trug einen Großteil der Kosten für die Programmierung. Auch die Augstein Stiftung unterstützte. Grob geschätzt haben sie bereits 20.000 Euro erhalten, so dass die Betaversion abgesichert ist. Hilfreich war außerdem ein Beratungsstipendium von Startsocial e.V.: Insbesondere die AGBs für eine globale Plattform sind anspruchsvoll, auch der Datenschutz. Sie haben sich dafür entschieden, die Kommunikation durch eine SSL-Verbindung und ein SFTP-Protokoll zu sichern. Außerdem wählten sie einen Server mit Sitz in Deutschland, damit die Daten nicht über die USA laufen.

Die Liste der Kooperationspartner ist bereits umfangreich, u.a. Reporter ohne Grenzen, Netzwerk Recherche und die Freischreiber gehören dazu.

Im Mai soll es losgehen. Der Start findet entweder auf oder parallel zur re:publica statt. An dem Netzwerk teilnehmen kann zunächst nur, wer von jemandem eingeladen wird. Dies soll dazu beitragen, dass sich nur Journalisten, journalistische Blogger und Dokumentarfilmer anmelden. Denn um die Anmeldungen zu überprüfen, dazu fehlen ihnen personell die Kapazitäten.

Bis zum Start ist auf der Website hostwriter.org das Blog zusätzlich, auf dem sie über die Fortschritte berichten. Alles soll transparent sein. Wer Interesse hat, kann sich als Ambassador regional engagieren und bei Tabea Grzeszyk melden: tabea(at)hostwriter.org.

“Wir Hyperlokale sind die Themen-Trüffelschweine der Branche”

Die Arbeitsteilung bei den Prenzlauer Berg Nachrichten ist klar: Die Leser machen Vorschläge, das Schreiben übernehmen aber Journalisten – beziehungsweise die Journalistin, denn außer Juliane Wiedemeier auf der einzigen Vollzeitstelle wird es dünn. Um weitere, freie Mitarbeiter zu beschäftigen, fehlt meist das Geld. Über die Gründung einer hyperlokalen Online-Zeitung und die Bedeutung von Leserpost berichtete Wiedemeier beim Stammtisch des JVBB.

Juliane Wiedemeier, Foto: Alexander CzekallaDie Prenzlauer Berg Nachrichten werden neben dem Heddesheimblog, der Tegernseer Stimme und den Ruhrbaronen oft als Vorzeigeprojekt im hyperlokalen Journalismus genannt. Angefangen haben sie 2010, als Wiedemeier auf Phillip Schwörbel traf, der die Idee für das Projekt und etwas Geld mitbrachte. Schwörbel hatte unter anderem für Bertelsmann, die Ufa und für Gesine Schwan gearbeitet. Er übernahm den betriebswirtschaftlichen Part, Wiedemeier, die bei der Braunschweiger Zeitung volontiert hatte, den journalistischen.

Nach einem halben Jahr Vorbereitung ging die Seite online. Wiedemeier kannte die Bezirksstrukturen ein wenig, weil sie auch schon unter anderem für die taz über Berliner Themen geschrieben hatte. Jetzt baute sie gemeinsam mit ihren Kollegen ein Netz auf, klopfte bei den Stadträten an, ging zu den Sitzungen des Bezirksparlaments und knüpfte Kontakte zu Vereinen. „Themenfindung ist im Lokalen, wo es keine Agenturberichterstattung gibt, eine Herausforderung. Mittlerweile haben wir gut funktionierende Informationskanäle, und auch von unseren Lesern bekommen wir immer wieder Tipps.“

Diese Hinweise aus der Leserschaft sind wichtige Beiträge. Manchmal ist es nur eine Angabe, dass irgendwo ein Baum gefällt wurde. Manchmal stoßen sie aber tolle Artikel an. „Wenn sich jemannd bei uns meldet, der nach einer Sanierung plötzlich die doppelte Miete zahlen muss, obwohl die Außenklos drinbleiben, schauen wir uns das natürlich an“, berichtet Wiedemeier. Solche Tipps sind unverzichtbar. „Als Redaktion kann man schließlich nicht überall im Bezirk sein.“

In der Startphase kam es drauf an, herauszufinden, was im Prenzlauer Berg wichtig ist. Ein Themenproblem haben sie jetzt nicht mehr, nun kommt es drauf an, zu selektiveren und Prioritäten zu setzen. Auf Themen wie die Eröffnung eines neuen Zebrastreifens verzichten die PBN bewusst. Ein bis zwei Artikel erscheinen pro Tag. Von den Lesern erreicht sie in einer Woche auch mal keine Post, in anderen bis zu fünf Vorschläge. „Es gibt auch besonders Pfiffige, die schreiben, ein Bekannter habe gerade ein interessantes Geschäft aufgemacht – die verweisen wir dann an unsere Anzeigenabteilung.“

„Wir sind kein Leserreporter-Portal“, betont Wiedemeier. Sie hält wenig von den Versuchen anderer Verlage, ihren Lesern die lolale Berichterstattung zu überlassen. Damit wollten die Verlage kostengünstig das Hyperlokale abdecken. So klappe es aber eben nicht. „Es ist ein Unterschied, ob jemand Betroffenes aus seiner subjektiven Sicht ohne journalistische Standards schreibt, oder ein ausgebildeter Journalist.“ Die Prenzlauer Berg Nachrichten seien ein „rein journalistisches Projekt“.

Die Qualität kommt auch gut an: Wiedemeier beobachtet regelmäßig, dass Tageszeitungen ihre Artikel aufgreifen und die Themen selber bearbeiten. „Die Geschichten wandern dann durch die Blätter. Wir Hyperlokale sind die Themen-Trüffelschweine der Branche.“

Überregional Aufsehen erregte ein Artikel über ein Café, das mit einem Poller vor der Tür Kinderwagen fern hielt. Lange Zeit die erfolgreichste Story der Prenzlauer Berg Nachrichten. Noch größere mediale Verbreitung erfuhren nur die Rückflugtickets, welche die NPD an Abgeordnete mit Migrationshintergrund verschickte.

Sie schaue sich das an, ärgere sich darüber aber nicht, sagt Wiedemeier. Es bestätigt sie eher in ihrem Anspruch: „Wir machen Lokaljournalismus mit Niveau.“ Derzeit hat ihre Online-Zeitung bis zu 50.000 Visits pro Monat. Etwa ein Drittel der Besucher kommt über facebook, wo Wiedemeier täglich zwei bis drei Dinge postet.

So kommt es, dass auf der Einkommensseite der PBN noch Luft nach oben ist. Das Geldverdienen mit journalistischen Inhalten im Internet ist auch im Lokalen schwer. Zudem folgt die hyperlokale Website ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Beispielsweise ist die Seite nicht Klick-optimiert: eine Bilderstrecke wird nur als ein einziger Klick gezählt.

Schwörbel und Wiedemeier versuchen, die Werbekunden lieber von den qualitativen Vorzügen ihrer Leserschaft zu überzeugen. Klassische Anzeigen, um deren Verkauf sich Schwörbel bemüht, sind das wichtigste Standbein. Dazu kommen noch langfristige Anzeigen von lokalen Geschäften und Solidaritätsabos.

OK, machen wir es doch selber!

Liebe Internetgemeinde,

als unser Bundespräsident sagte, die Zeitung habe eine Zukunft, da hat er sicher nicht die Huffington Post gemeint. Denn auf der Jahrestagung der Zeitungsverleger am 17. September in Dresden sprach Joachim Gauk von Qualitätsjournalismus. Er wünschte sich Tatkraft und Experimentierfreudigkeit: „Auf Transformation zu setzen, auf neue Geschäftsmodelle, das ist in meinen Augen nicht romantisch oder weltfremd, sondern eben realistisch. Allerdings werden Sie alle dazu sicherlich Mut brauchen“, sagte Joachim Gauk.

Zumutung oder Journalismus 3.0?

Ja, diesen Mut brauchen wir. Jetzt, nur einen Monat nach Gaucks Rede, ist der Mut sogar umso mehr nötig. Neue Geschäftsmodelle sind leider kein Garant für eine Transformation Richtung Qualität. Die Huffington Post ist zu uns gekommen und hat ein neues Modell von Zeitung aus den USA mit gebracht. Sie setzt auf kostenlose Beiträge von Bloggern.

Eine Zumutung sei das, findet Michalis Pantelouris. Nicht ein neuer Journalismus 3.0, wie sein Antipode in dieser Diskussion, Karsten Lohmeyer, meint, sondern „unsäglicher Müll“. Für professionelle Journalisten lohne es sich nicht, ohne Bezahlung, sondern rein für die Aufmerksamkeit bei der HuffPo zu schreiben. „Stattdessen wird es höchstens eine Abwurfstelle für professionelle, anderweitig bezahlte Meinung-Haber und -Äußerer sein“, sagt Pantelouris voraus und schimpft „HuffPo, mach es dir doch einfach selbst.“

Schlagt sie mit ihren eigenen Waffen

Nein, macht ihr es doch selber, ruft Frank Zimmer zurück. Er möchte dieser negativen Haltung eine konstruktivere Sicht entgegensetzen. Allen, die auf das Bloggermodel schimpften, stünde es ja frei, es selbst auszuprobieren. Kostenlose Blog-Beiträge als Ergänzung zur klassischen Redaktion seien die Zukunft – ob wir das wollten oder nicht, schreibt er und appelliert an die Verleger: „Warum schlagt ihr die Huffington Post nicht einfach mit ihren eigenen Waffen?“

Andere Zeitungen könnten schließlich ebenfalls Ideen und Inhalte aggregieren. Sie sollten aber, um es besser zu machen als die HuffPo, nur die guten Blogbeiträge verwenden, diese sogar redaktionell aufarbeiten, und so auf Klasse statt Masse setzen. Entwickelt das Bloggermodell doch einfach weiter, schlägt er vor: „Macht es besser. Sucht euch gute Autoren. Zahlt sie mit Aufmerksamkeit, wenn sie vor allem Aufmerksamkeit wollen, und gebt ihnen Geld, wenn Schreiben ihr Hauptberuf ist. Ihr braucht keine Arianna Huffington. Ihr braucht nur gute Blogger. Und Journalisten, die mit ihnen zusammenarbeiten.“

Wir sind das Kapital

Liebe Internetgemeinde, ich finde, er hat Recht. Nur einen Einwand möchte ich mir gestatten: Was brauchen wir die Verleger? Warum sollten wir warten, bis von denen einer eine Geschäftsidee entwickelt?

„Glaubwürdige Journalisten sind das größte Kapital einer Zeitung – mit ihrem Intellekt, mit ihrer Empathie, mit ihrer Neugier oder mit ihrer Diskussionsfreude, manchmal auch einfach nur mit ihrem Namen, der im Laufe der Jahre zu einer ganz eigenen Marke avanciert ist“, sagt unser Bundespräsident.

Liebe Leute, das Internet ist voll von Schreibtalenten. Warum muss eine amerikanische Zeitung für uns in Deutschland eine Plattform schaffen, auf der Bloggern Aufmerksamkeit zuteil wird? Können wir das nicht verdammt noch mal selbst in die Hand nehmen? Das Internet ist schließlich unsere See, auf der wir segeln. Lassen wir uns nicht vom Kurs abdrängen!

Für uns bitte die Hauptrolle

Ich möchte hier einen Vorschlag zur Diskussion stellen, was wir gemeinsam aus der Situation machen könnten. Das Positive am Konzept der Huffington Post, der Journalismus 3.0, ist die Offenheit für die Internetgemeinschaft. Tatsächlich gibt es wunderbare, leuchtende Beispiele von investigativem Journalismus, die gerade durch die Offenheit zum Publikum möglich geworden sind. Ein lebendiges Zeugnis davon gab kürzlich Katharine Viner vom australischen Guardian in einer großartigen Rede.

Was an der HuffPo nicht so schön ist, das ist die Randrolle, welche Blogs dort spielen. Über die „staubige Ecke“, in der die Blogger versteckt seien, schimpfte beispielsweise Klaus Bardenhagen.

Ganz Recht: die Blogs sollten die Hauptrolle spielen. Wie könnte das aussehen? Die einzig konsequente Ausgestaltung dieses Gedankens erlaubt keine festangestellte Redaktion, wie sie die HuffPo hat. Bliebe doch neben einer festen Redaktion der einzelne Schreiber, der dazu stößt, immer ein Gast. Eine Zeitung, die wirklich auf Open Journalism setzt, muss auch die Redaktion gemeinsam mit allen einrichten, muss jedem erlauben, mitzumachen.

Ein offenes Redaktionssystem

Ich stelle mit ein Redaktionssystem vor, in dem ähnlich wie in einem Wiki die Autoren gemeinsam Themen vorschlagen, Material zusammentragen, die Artikel redigieren und schließlich veröffentlichen. Das ist die Idee, die mir vor Augen steht, wenn ich die Rede unseres Bundespräsidenten lese:

„Qualitätsjournalismus ist nicht an eine bestimmte Form gebunden – etwa an das Papier –, sondern natürlich an Inhalte, an eine Methode, die journalistische Methode. Der Journalismus der Zukunft mag ganz oder auch teilweise anders aussehen und anders funktionieren als heute. Das mag sein. Aber ich bin ganz zuversichtlich: Es wird ihn geben!“

Es liegt an uns, ihm Recht zu geben und zu zeigen, die Huffington Post ist nicht diese Zukunft. Sondern wir.

Alle an Einnahmen beteiligen

Die kollaborative Struktur sollte sich auch in der Bezahlung widerspiegeln. Im Modell der HuffPo gibt es eben festangestellten Redakteure, die bezahlt werden, und einen Verlag, der Gewinne erwirtschaftet durch Werbeeinnahmen. Die Blogger bekommen nichts.

Dieses Modell erregt begründeter Weise viele Gemüter in unserer Branche, macht es doch aus den Journalisten unter den Bloggern, die eine lange Ausbildungszeit hinter sich haben und ein Recht darauf besitzen, für ihre Arbeit Geld zu sehen, PR-Strategen: Sie geben ihre Arbeit plötzlich kostenlos her, in der Hoffnung, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und damit an anderer Stelle mehr Geld zu verdienen. Das funktioniert natürlich nur, wenn nicht alle Zeitungen so verfahren. Es kann also kein Modell für den Journalismus insgesamt sein.

Wie geht es also dann? Das Geld aus den Werbeeinnahmen müsste auf alle Beteiligten ausgeschüttet werden. Für eine Zeitung, die gerade erst anfängt, wären das lächerliche Beträge. Dann könnte man es zugegebenermaßen auch gleich lassen. Oder zumindest nur als einen unter mehreren Wegen der Monetarisierung verfolgen.

Nehmen wir die Wirtschaft in die Pflicht

Viel besser wäre die Idee, endlich einmal die Deutsche Gesellschaft und die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen. In den USA gibt es seit Jahren Stiftungen und Mäzene, die Qualitätsjournalismus unterstützen. Zu den bekanntesten Plattformen gehören ProPublica und spot.us. Auch erfolgreiche Einzelpersonen setzen dort großes in Bewegung – Ebay-Gründer Pierre Omidyar hat gerade erst angekündigt, eine Plattform für unabhängige Journalisten aufbauen zu wollen.

Unsere Kultur in Deutschland, mit Stiftungen und Förderungen umzugehen, ist eine etwas andere. Doch auch hier gibt es ein Interesse der Unternehmen, sich mit gesellschaftlich relevanten Vorhaben und auch mit den Medien einzulassen.

CSR und Content Marketing

Da ist einmal die Corporate Social Responsibility (CSR). Um sich mit ethisch sauberem Engagement hervorzutun, sind die Medien und seriöser investigativer Journalismus wie geschaffen. Dass es den Zeitungen schlecht geht, dass gespart wird, dass wichtige Recherchen nicht mehr durchgeführt werden können, ist mittlerweile so gut wie allgemein bekannt. Die Gesellschaft weiß, was sie an der Vielfalt der Tageszeitungen hat bzw. hatte. Geben wir den Firmen die Möglichkeit, sich als Retter hervorzutun und Geld an sinnvoller Stelle auszugeben!

Und noch eine eigene Motivation an den Medien bringt die Wirtschaft mit. Da ist einerseits die klassische Werbung, die sie dort platzieren wollen, wo sich die potenzielle Kundschaft unter den Lesern tummelt. Aber da ist auch die moderne Form der Werbung, das Content Marketing. Unternehmen schaffen Geschichten, Artikel und Videos um ihre Produkte und Dienstleistungen herum. Sie stellen Interessantes und Nützliches bereit, das die Nutzer von Social Media aufgreifen und verbreiten. Dafür hat die Wirtschaft Geld. Und dafür wird sie in Zukunft immer mehr Geld ausgeben, statt für klassische Werbung. Der Wegfall der Werbung schnürt heute schon den Zeitungen die Luft ab. Es wäre nur folgerichtig, das Geld dann eben an anderer Stelle abzugreifen, nämlich im Content Marketing. Schreiben eben wir Journalisten die Beiträge, welche die Firmen dann durch ihre potenziellen Kunden verbreiten lassen können!

Was wir brauchen, ist eine Kultur der großangelegten Förderung von Journalismus. Crowdfunding funktioniert, das haben wir bereits gesehen. Jetzt sollten wir es mit Finanzierung durch die Wirtschaft versuchen. Nicht kleckern, sondern klotzen.

Aufmerksamkeit ist unsere Währung

Aufmerksamkeit ist eine Währung, die nicht nur die Huffington Post den Bloggern bietet. Aufmerksamkeit können auch wir Schreiber der Wirtschaft bieten.

Ich finde, es wäre ein lohnender Versuch, eine eigene Plattform aufzubauen. Für diejenigen, die im Netz zuhause sind – und von denjenigen, die wir hier schreiben. Gibt es hier jemanden, dem diese Vision etwas sagt, der Mut hat und Glauben?

Es könnte ein Bibelzitat sein, aber es ist noch einmal zum Schluss unser Bundespräsident: „Wer glaubwürdig ist, der wird Anhänger und Mitstreiter finden auf seinem Weg“, sagt Gauck. Er ist optimistisch, dass sich guter Journalismus durchsetzen kann, egal in welchem Medium. Auch im Internet sei die Mehrheit der Rezipienten kritisch und anspruchsvoll. „Präzise Informationen und Argumente werden dann immer ihr Publikum finden.“ Wer macht mit?

Karsten Wiedemann: Relativ viel PR in den HuffPo-Blogs

Karsten WiedemannDie Neugier siegte über die Bedenken, also bloggt Karsten Wiedemann bei der Huffington Post. Er ist leitender Redakteur beim Energiewirtschaftsmagazin BIZZ energy today. Die neue Plattform der HuffPo findet er praktisch, um Aufmerksamkeit für das eigene Medium zu erzeugen. Für die Zukunft wünscht er sich mehr redaktionelle Betreuung.

Blogger bei der HuffPo zu werden, das sei denkbar einfach gewesen, sagt Wiedemann. Trotz aller Diskussionen um Knebelverträge und Nichtbezahlung wollte er es einfach einmal ausprobieren. Er verfasste einen kurzen Text zu einem Thema, mit dem er sich als hauptberuflicher Journalist sowieso häufig beschäftige – „natürlich auch mit dem Ziel, ein bisschen Werbung für mein Magazin zu machen“, sagt er. Den Text schickte er an die Redaktion und bekam kurz darauf eine Antwort von einem der Blogredakteure, mit der Bitte um ein Foto und ein paar biografische Angaben.

Einige Tage später folgte eine weitere E-Mail, mit dem Hinweis, dass der Beitrag in den nächsten Tagen online gehe, und der Frage, ob er kurzfristig noch einen Blogtext zu einem anderen Energiethema verfassen könnte. Dazu sei ein Redaktionsschwerpunkt geplant. Dieser Beitrag ging am selben Tag auf der Startseite online. Er erhielt Zugang zum Blog-Account, über den sich Texte einstellen und die Kurzbiografie bearbeiten lassen. „Also alles recht unkompliziert und entspannt“, findet Wiedemann.

Gewundert hat ihn, dass Tippfehler unbemerkt blieben: „Aufgefallen ist mir, dass die eingesandten Text wohl nicht wirklich orthografisch geprüft werden. Bei mir hatten sich nämlich ein paar Fehler eingeschlichen“, erzählt er. Nachträglich bearbeiten lassen sich die einmal veröffentlichten Texte nicht mehr. Dies geht nur über die festangestellten Redakteure. „Das hat aber auch geklappt.“

Derzeit hätten die Blogs ein Problem: „dass doch relativ viel PR dabei ist“. Das ändere sich vielleicht noch mit der Zeit. Laut HuffPo-Geschäftsführer Oliver Eckert gebe es aktuell einen Ansturm von Bloggern, die dort veröffentlich wollen.

Ob er weiter für die HuffPo bloggen wird, muss er noch sehen. „Ausprobieren lohnt sicherlich und ist vielleicht für freie Journalisten ein Weg, ein bisschen Werbung in eigener Sache zu machen. Dafür müsste die HuffPo in Deutschland aber noch an Relevanz und Reichweite gewinnen, was stark von den Inhalten der Seite abhängen wird. Eine gesunde Portion Skepsis dem Ganzen gegenüber schadet sicher auch nicht“, empfiehlt Wiedemann. Der erste Beitrag bei der HuffPo habe jedenfalls noch keinen zusätzlichen Traffic auf sein Magazin gelenkt.

Noch mehr Kritik hat HuffPo-Blogger Klaus Bardenhagen. Nicht noch einmal für die HuffPo schreiben wird Inka Chall. Ein etwas optimistischer gestimmter Bloggern ist Karsten Lohmeyer. Wie es von innen betrachtet bei der HuffPo aussieht, beschreibt Cherno Jobatey.

Bardenhagen: Die HuffPo versteckt uns Blogger in der staubigen Ecke

Taiwanreporter Klaus Bardenhagen79 Blogger haben sich in der ersten Woche der Huffington Post Deutschland registriert und erste Beiträge veröffentlicht. Nicht alle sind sicher, dass diesen weitere folgen werden. Klaus Bardenhagen war vor allem überrascht, wie lieblos die Beiträge auf der Seite präsentiert werden.

Aus Taiwan berichtet Klaus Bardenhagen leidenschaftlich gern. Deshalb hatte er den Chefredakteur der HuffPo, Sebastian Matthes, angemailt und ihm seinen ersten Beitrag umrissen. Die Redaktion antwortet auch schnell, befand den Vorschlag für gut und richtete ihm einen Account ein. „Das hat dann bis zum Montag nach dem Start gedauert, so dass ich leider nicht von Anfang an auf der Seite sein konnte“, sagt Bardenhagen. Ein Umstand, den man wohl bedauern, aber nachsehen könne, angesichts der Menge an Arbeit, welche die 15 Redakteure in der Startphase haben.

E-Mail des Redaktionssystems der HuffPo zur Registrierung

Wer für die HuffPo bloggen will, muss sich von der Redaktion einen Account einrichten lassen.

Zunächst galt es, sich mit dem System vertraut zu machen. Ausnahmsweise hatte die Redaktion den ersten Beitrag bereits selbst als Entwurf angelegt. Rückfragen zum Inhalt oder Änderungsvorschläge gab es nicht. Ein Bild einzubinden, wie Bardenhagen sich überlegt hatte, erlaubt das System nicht. Er war gerade dabei, den kurzen Text für sein Profil zu überarbeiten, als der Entwurf des ersten Beitrages plötzlich online ging. Ein Versehen der Redaktion oder ein technischer Fehler – das blieb ungeklärt. Nur: Änderungen am Text waren jetzt nicht mehr möglich: If you need to make any edits to your post after it has been published, please contact … Schnell schickte Klaus seine letzten Änderungswünsche an einen Redakteur. Einen Tag später fügte dieser die Änderungen ein. „Den Vorfall hefte ich mal unter Kinderkrankheiten bzw. Startschwierigkeiten ab“, sagt Bardenhagen auch hier noch.

Einige Dinge stören ihn dagegen grundsätzlich. Da ist die Art und Weise, wie die Blogbeiträge auf der Huffpost-Homepage eingebunden und präsentiert werden. Diese sei „eine ziemliche Katastrophe oder, um positiv zu bleiben, stark verbesserungswürdig“, findet er.

Wer die Startseite besucht, findet in der linken Spalte die Beiträge der Blogger. Dort, wie auch in den Ressorts, steht obendrüber „Empfohlene Blogbeiträge“ – was noch durch ein Flüstertüten-Clipart verunstaltet sei, findet Bardenhagen. Nur wenn man da drauf klickt, gelangt man zur Übersicht der Blogs. Dies sei verwirrend, weil dieser Link tatsächlich der einzige Zugang überhaupt zu den Blogbeiträgen ist. „Es gibt ja nicht einmal einen Link zu einer Blog-Übersichtsseite in der Navigationsleiste.“ Befindet man sich auf der Seite einer Meldung, gibt es keine Möglichkeit, direkt zu den Blogs zu wechseln. Unpraktisch.

Weitere Einschränkung der Benutzerfreundlichkeit: In der Übersicht sind nur die zwanzig neuesten Beiträge zu sehen. Hier könnte wenigstens die Kurz-Bio der Autoren eingeblendet werden, wünscht sich Bardenhagen. „Alles andere verschwindet dahinter im digitalen Nirvana – es klickt sich ja niemand Tag für Tag durchs Archiv. Jede Standard-Wordpress-Installation ist zumindest nicht schlechter“, sagt er.

Eine der wenigen wichtigen Seiten, der sogenannte Index der Blogs, ist wiederum nur in der Übersicht anklickbar und erreichbar. Dort werden die – je nach ausgewähltem Filter – zehn meistgelesenen, -kommentierten oder per E-Mail verschickten Beiträge des Tages, der Woche oder insgesamt angezeigt. „Aber es gibt nicht mal die Möglichkeit, weiterzublättern“, moniert Bardenhagen. Nach zehn ist einfach Schluss. Wer gestern die meisten Klicks hatte oder wer insgesamt auf Platz elf kommt, findet man nicht heraus.

Gemessen an den großen Worten zum Start der HuffPo („Die Menschen wollen Teil unserer Zeit sein, sie wollen ihre Geschichten erzählen. Wir geben ihnen die Plattform dafür.“ Ariana Huffington), ist Bardenhagen enttäuscht über die Art und Weise der Präsentation. „Ich kann es nicht nachvollziehen, dass die HuffPo die Blogbeiträge, die doch gerade ihr Alleinstellungsmerkmal sein sollen, so lieblos in einer staubigen Ecke ihrer Website versteckt“, sagt er.

Aus der Liste der neuesten Blogeinträge war sein Beitrag schnell herausgerutscht. So hat er dem Artikel wohl selbst per Facebook und Twitter die meisten Leser zugeführt, vermutet er.

Dass er noch einmal etwas postet, schließt er nicht aus. „Aber ich könnte mir vorstellen, dass viele potentielle Autoren durch das Homepage-Design und die missglückte Präsentation abgeschreckt werden.“

Ein etwas optimistischer gestimmter Bloggern bei der HuffPo ist Karsten Lohmeyer. Wie es von innen betrachtet bei der HuffPo aussieht, beschreibt Cherno Jobatey.

Lohmeyer: Die HuffPo bringt mir Publicity

Karsten LohmeyerKarsten Lohmeyer schreibt für die Huffington Post. Und dort erklärte er auch gleich, warum er das macht. Er sieht in dem Konzept die Speerspitze eines neuen Journalismus, eines Journalismus 3.0, der die nächsten Jahre des ganzen Berufsstandes prägen wird. Deshalb lehnt er es nicht kategorisch ab, auch als Profi ohne Bezahlung zu schreiben. Eine andere Kritik an der HuffPo konnte er ausräumen: via Twitter holte er die Betätigung ein, dass die Blogger die Nutzungsrechte an ihren Beiträgen behalten.

Für die HuffPo zu schreiben, fühlt sich derzeit offenbar noch etwas trocken an. Lohmeyer schickte seinen ersten Beitrag direkt an Chefredakteur Sebastian Matthes. Dann lieferte er noch einen kurzen Text für sein Profil. Und dann wartete er. Schließlich kam am Mittwoch – Tag 7 nach dem Start – eine automatisierte E-Mail vom System, dass der Beitrag veröffentlicht wurde.

Sein Beitrag war an diesem Tag der meistgelesenste Blogbeitrag, mit über 1.300 Aufrufen. Eine Zahl, mit der Lohnmeyer zufrieden ist. „Auch wenn es natürlich immer ein bisschen mehr sein kann“, sagt er. „Solche Zahlen erreiche ich auch mit meinem normalen Blog. Mein meistgelesener Artikel auf LousyPennies.de wurde an einem Tag rund zehntausend Mal abgerufen, um die tausend Seitenabrufe am Tag sind bei uns normal.“

Für den Anfang hält die HuffPo, was sie verspricht, findet er: Sie hat ihm zusätzliche Publicity gebracht. „Ich glaube schon, dass ich einige der Leute erreicht habe, die ich erreichen wollte – das sehe ich an den Feedbacks auf Twitter, Facebook und anderen Blogs“, sagt Lohmeyer.

Für ein Massenmedium ist die Leserzahl zwar noch begrenzt. Aber die Leser kommen auch nicht aus dem Nichts. Er kenne viele Blogs, die sich freuen würden, wenn sie eine solche Leserzahl in einem ganzen Monat erreichen.

Nicht so gut fand Lohmeyer, dass der Beitrag erst am Mittwoch erschien. Er hatte ihn bereits vor dem Start der HuffPo eingereicht. „Ich hätte mir nur gewünscht, dass mein Beitrag gleich zum Start erschienen wäre, dann hätte er sicher auch mehr Leser gehabt.“

Insgesamt ist er gespannt, wie sich die Leserzahlen entwickeln. Bis diese richtig in die Höhe klettern, veröffentlicht er seinen Artikel zusätzlich auch anderswo. Dass dies entgegen vorheriger Sorgen, die Nutzervereinbarungen der HuffPo schließe das aus, doch freigestellt ist, hat er mit der Redaktion via Twitter geklärt. Laut DJV entspricht das ohnehin der Rechtslage: Der Autor kann seinen Beitrag frei verwerten, ebenso die HuffPo.

So richtig als Teil der neuen Zeitung kann sich Lohmeyer noch nicht empfinden. „Aktuell liefert man seinen Text ab und dann erscheint er irgendwann. Wirklich eingebunden fühlt man sich nicht, das könnte aber vor allem daran liegen, dass der Kollege, der die Blogs betreut, vom offensichtlichen Ansturm etwas überlastet ist und sich selbst erstmal einfinden muss“, sagt Lohmeyer. „Angeblich wird ja auch schon weiteres Personal gesucht.“

Die Top Ten der Irrtümer über Open Journalism

Immer mehr Medien wagen neue Ansätze, um ihre Nutzer einzubinden. Die Offenheit und Experimentierfreudigkeit der Deutschen Medien hat deutlich zugenommen. Trotzdem tauchen in der Diskussion regelmäßig verschiedene Vorbehalte auf, die meistens mit dem negativ besetzten Begriff „Bürgerjournalismus“ verknüpft sind. Viele dieser Kritikpunkte treffen jedoch nicht auf Open Journalism zu. Wir haben die Top Ten der häufigsten Vorbehalte und Missverständnisse zusammengetragen.

Bürgerjournalismus versus Open Journalism

Amateure können keinen Journalismus, sie sind nicht objektiv. Bürgerjournalismus ist kein echter Journalismus. Die Mitarbeit von Laien sollte uns willkommen sein. Das heißt nicht, dass die Profis die Kontrolle abgeben. Die Bürger machen das ja nicht alleine.
Leserreporter können die Dinge oft nicht beurteilen. Im Internet gibt es viele falsche Informationen, Datentrash und populistische Behauptungen. Das gehört alles nicht in die Medien. Die ausgebildeten Journalisten haben noch immer die Verantwortung, die Quellen zu prüfen, das Material zu filtern, zu kuratieren und zu beurteilen, was relevant ist.
Der Kern eines Mediums verwässert, die Marke geht verloren, wenn zu viele ihren Senf dazugeben. Kollaborativer Journalismus macht die Menschen zum Teil der Marke. Wer mitmacht, der identifiziert sich und ist stärker eingebunden.
Medien müssen den Anspruch haben, die öffentliche Meinung zu formen. Sie müssen führen, Wegweiser sein, aufklären. Deshalb dürfen sie sich nicht von ihrem Publikum führen lassen. Medien sind nur relevant, wenn die Menschen sie brauchen. In Zeiten des Internets sind die Mediennutzer wählerischer, an wem sie sich orientieren.
Demokratische Gesellschaften brauchen eine öffentliche Meinung. Diese schaffen die Medien, sie sind deshalb eine Säule der Gesellschaft, eine Stütze der Demokratie. Die Menschen suchen sich selbst ihre Kanäle. Sie wollen in ihrem Kontext angesprochen werden, sie wollen selbst den Zeitpunkt bestimmen, wann sie sich informieren, und sie wollen mitreden.
Journalismus von Bürgern machen zu lassen, ist nichts weiter als ein Sparmodell, ausgedacht von Geschäftsführern in Zeiten der Krise. Das geht zu Lasten der Qualität. Selbst wenn Redaktionen zusätzliches Personal einstellen könnten, was heute utopisch ist, wären sie trotzdem nicht immer da, wo Dinge passieren. Die Menschen sind dagegen überall und schon vor Ort und Stelle. Sie erhöhen die Themenabdeckung.
Die ausgebildeten Journalisten werden arbeitslos. Ihre Arbeit wird ersetzt durch die von Laien. Durch Social Media und Inhalte der Mediennutzer steigt die Menge an Material. Für Profis gibt es sogar immer mehr zu tun. Denn sie müssen prüfen, auswählen und kuratieren.
Hin und wieder ein Leserfoto, das mag mal eine Lücke füllen. Aber die wesentliche Arbeit müssen doch ausgebildete Journalisten machen. Bei vielen wichtigen Ereignissen, wie in der Politik, ist ja nicht zufällig irgend jemand in der Nähe, der darüber berichten könnte. Jeder Mensch ist ein kleiner Experte für irgendetwas. In all den tausend Nischengebieten gibt es jemanden, der viel tiefer drin steckt, als es ein Journalist könnte. Der Austausch inspiriert, hilft Fragen zu finden und neue Ansätze zu entdecken.
Wir haben hier die Medien und dort die Leser bzw. das Publikum. Die einen machen die Nachrichten, die anderen empfangen sie. Grundsätzlich wird sich daran nichts ändern. Denn: Tante Emma hat weder Zeit noch Lust mitzumachen. Das Publikum ist durch die digitale Revolution einfach nur größer geworden. Von Lesern und Publikum zu sprechen, heißt, ihnen ein passives Etikett zu verpassen. Diese Art der Rollenverteilung war den früheren technischen Möglichkeiten geschuldet. Heute sind die Menschen aktive Mediennutzer. Das Internet hat den alten, strikten Gegensatz aufgelöst, die Grenze flüssiger gemacht.
Das bringt kein Geld in die Kasse, das ist kein Ausweg aus der Medienkrise. Medien sind auf Werbeeinnahmen angewiesen und die gehen derzeit zurück. Wenn es Medien gelingt, die Menschen anzuziehen, dann wird der Rest folgen. Eine starke, engagierte Community, die der Marke treu ist, ist eher bereit zu zahlen.

Anmerkung: Wohlgemerkt kann es schon sein, dass manche Medienhäuser sich auch Einsparungen erhoffen, indem sie auf Blogger und nutzergenerierte Inhalte setzen. Aber so wollen wir Open Journalism eben nicht verstanden wissen. Die Liste ist als eine Beschreibung der Hoffnungen gedacht, die mit der neuen Strömung verbunden sind.

Langer: „Ein Newscafé hätte ich am ehesten der Berliner Morgenpost zugetraut“

Am experimentierfreudigsten und offensten gegenüber den Nutzern sind die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und die Rhein-Zeitung. Das findet Medienjournalistin Ulrike Langer. Was mehr man sich wünschen könnte, was sie vom Start der Huffington Post in Deutschland erwartet und warum die Grenze zwischen journalistischen Laien und Profis schon immer fließend war, erklärt uns die Mit-Herausgeberin des Medienforums Vocer im Interview.

Ulrike LangerFrau Langer, zwei Journalistinnen haben ein Vocer-Stipendium gewonnen und sind jetzt als Crowdspondent in Brasilien. Was ist die Idee und von wem ist sie?

Die Idee stammt von Lisa Altmeier und Steffi Fetz, zwei Absolventinnen der Deutschen Journalistenschule. Sie sind für drei Monate als Auslandskorrespondentinnen in Brasilien und lassen jeweils ihre Fans und Nutzer darüber abstimmen, über welche Themen sie berichten sollen – daher der Name „Crowdspondent“. Das Ziel ist natürlich, auf diese Weise auch Ideen umsetzen zu können, ohne von einer Redaktion abgewimmelt zu werden, weil ein Thema „die Nutzer“ angeblich nicht interessiere. Was die Nutzer wirklich interessiert, erfahren Lisa und Steffi unmittelbar. Und das sind durchaus auch sperrige Themen. Bei der letzten Abstimmung beispielsweise entschied sich die Mehrheit der Nutzer dafür, zu erfahren, warum Lehrer in Brasilien einen so schlechten Beruf haben, und nicht etwa dafür, was in Rios angesagten Clubs abgeht.

Denken Sie, das sich diese unmittelbare Beauftragung durch die Leser und Mediennutzer irgendwann finanziell selbst tragen könnte? Wie könnte ein Geschäftsmodell aussehen?

Die erste Crowdspondent-Runde ist durch das Vocer Medialab Stipendium abgesichert. Das funktioniert aber nur mit viel Begeisterung für die Sache. Lisa und Steffi stecken fast jeden Cent in das Projekt und fast keinen in ihren eigenen Komfort. Sie teilen sich ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer bei einer brasilianischen Familie und produzieren ihre Podcasts im Kleiderschrank. Aber sie haben die einmalige Chance, in diesen drei Monaten eine treue Fangemeinde aufbauen. Das ist die Voraussetzung dafür, weitere Projekte vielleicht per Crowdfunding zu finanzieren oder auch eine Redaktion für eine Kooperation zu interessieren, denn als innovative Auslandsreporterinnen sind Lisa und Steffi jetzt natürlich keine Unbekannten mehr.  Wenn sie einer Redaktion zusichern können, wir bringen 4.000 oder 5.000 Nutzer mit, die nachweislich an unseren Themen interessiert sind, dann ist das ein großer strategischer Vorteil gegenüber einem konventionellen freien Journalisten, der einen Themenvorschlag einreicht.

Mit SHIFT ist jetzt ein Printmagazin in der Gründungsphase, das ebenfalls auf Mitbestimmung setzen will. Kann das funktionieren?

Ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht, dass es geklappt hat. Allerdings hat Magazingründer Daniel Höly unglaublich viel Energie in seine Crowdfunding-Kampagne gesteckt. Jetzt kommt es darauf an, den Schwung beizubehalten und die Finanzierung auf sichere Beine zu stellen. Das Problem beim Crowdfunding ist die dauerhafte Finanzierung fortlaufender Projekte, denn dazu müssen einmalige Unterstützer zu irgendeiner Art von Abonnenten werden. Daniel verhandelt aber bereits mit Sponsoren. Inhaltlich und optisch überzeugt mich sein Magazinkonzept ohnehin. Mich hat nur die Fixierung auf Print erstaunt.

Beim Open Journalism scheint der Mut in Deutschland zugenommen zu haben. Die Süddeutsche hat mit Die Recherche die Zusammenarbeit mit den Lesern institutionalisiert und transparent gemacht. Kann man sich noch mehr wünschen?

Klar, man kann sich immer noch mehr wünschen. Der Guardian beispielsweise lässt Nutzer bei ausgewählten Projekten tatsächlich mitrecherchieren und nicht bloß darüber entscheiden, welche Themen recherchiert werden sollen. Die New York Times blendet in einem neuen Projekt ausgewählte, besonders wertvolle Nutzerkommentare direkt in den Beiträgen ein und hebt sie dadurch hervor. Aber Sueddeutsche.de ist auf einem sehr guten Weg. Die Onlineredaktionen der SZ, Zeit oder auch der regionalen Rhein-Zeitung sind in puncto Experimentierfreunde und Öffnung gegenüber den Nutzern in Deutschland weit vorne.

Der Guardian setzt mit seinem Projekt Witness mehr auf Inhalte, welche die Nutzer allein beisteuern und die dann kuratiert werden. Die Recherche ist da deutlich interaktiver, oder?

Die beiden Ansätze kann man schlecht miteinander vergleichen. Witness ist eine Plattform für nutzergenerierte Inhalte. Sie wird vom Guardian erstens technisch bereitgestellt und zweitens – und das ist die entscheidendere Leistung – die Beiträge der aktiven Nutzer werden gezielt kanalisiert und kuratiert, damit auch etwas Anregendes dabei herauskommt. Die Recherche ist ein Ansatz, um davon wegzukommen, Journalismus an den Interessen und Bedürfnissen der Nutzer vorbei zu produzieren.

Ist der geplante Start der Huffington Post in Deutschland ein Gewinn in Sachen Open Journalism?

Ich begrüße den Start der Huffington Post schon allein deshalb, weil ich jeden Ansatz gut finde, der zupackt, anstatt den Verlust der angeblich goldenen Zeiten im Journalismus zu bejammern. Ob die HuffPo nun aber allein durch ihre Existenz den Ansatz Open Journalism stärkt, bezweifle ich. Es hängt dort von jedem einzelnen Autoren ab, inwieweit er oder sie sich gegenüber den Nutzern öffnen will. Die meisten Autoren auf der amerikanischen oder britischen Website veröffentlichen dort ganz konventionell ihre fertigen Beiträge und diskutieren anschließend mit den Nutzern darüber – oder auch nicht. Ich sehe die HuffPo eher als interessantes Experiment, ob es 2013 einem Newcomer gelingen kann, sich als bundesweites Nachrichtenportal zu etablieren. Vor allem, wo jetzt immer mehr etablierte Onlinemedien Paywalls hochziehen wollen.

Bei golem.de schrieben schon seit längerem Blogger mit. Jetzt gibt es für erfolgreiche Geschichten sogar Geld. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Grenze zwischen Laienschreibern und Profis nun ein fließender Übergang ist?

Diese Grenze war schon immer fließend. Eingeschickte Beiträge von pensionierten Lehrern oder Vereinsvorsitzenden habe ich Anfang der 90er Jahre während meines Volontariats bei einer Regionalzeitung ziemlich häufig redigiert. Ebenso wurde das auch in den Jahrzehnten davor gehandhabt. Journalist ist kein Beruf, für den man ein Diplom oder eine Zulassung braucht. Journalist ist auch nicht nur, wer bei einer Zeitung, einem Sender oder einem Onlinemedium arbeitet. Wer mit dem Anspruch veröffentlicht, die Wirklichkeit abzubilden, arbeitet journalistisch. Ob mit oder ohne Bezahlung. Und egal in welchem Umfang. Neu ist bloß, dass Amateure mit Blogs, Facebook, Twitter, YouTube, Podcasts etc. inzwischen auch eigene Produktionsmittel und Veröffentlichungsplattformen haben.

In den USA und Canada gibt es Redaktionen, die in open newsrooms,  in sogenannten Newscafés arbeiten. Kommt dem in Europa etwas gleich, etwa das Café des Guardian in London?

Die Ansätze des Register Citizen Cafés in Torrington, Connecticut oder des Winnipeg Free Press Cafés in Kanada gehen viel weiter als europäische Newscafés. Die von mir genannten Beispiele sind physische Orte für Open Journalism. In Winnipeg können Bürger bei Interviews und Diskussionen im Café selbst Fragen stellen. In Torrington ist die gesamte Redaktion offen. Die Bürger nehmen an Redaktionskonferenzen teil (die auch ins Netz gestreamt werden), Vereine oder Bürgerversammlungen können die Konferenzräume nutzen, Bürger können an Terminals recherchieren oder schreiben. Auf diese Weise sind die Journalisten ganz nah dran an den Bürgern, und nicht nur um ihnen heiße Getränke und die Zeitung zu verkaufen.

Wem trauen Sie am ehesten zu, das erste Newscafé in Berlin zu eröffnen?

Dieser Titel ist längst vergeben, den hält die taz. Wenn es aber um weiterreichende Konzepte für Newscafés geht, wie ich sie gerade beschrieben habe, dann hätte ich das bis vor Kurzem am ehesten Springer mit der Berliner Morgenpost zugetraut. Mit dem anstehenden Verkauf an die Funke-Gruppe glaube ich allerdings, dass es mit der Innovationsfreude dort schnell vorbei sein wird.

„Open Journalism öffnet für Unternehmen neue Perspektiven“

Im Marketing versuchte man schon immer, die Menschen einzubinden. Im Open Journalism setzen nun auch die Medien verstärkt auf Interaktion. Ob hier eine Schnittstelle zwischen Marketing und Journalismus entsteht, an der beide Seiten von einander lernen können, wollten wir von Sabrina Hanneman wissen, Geschäftsführerin der in Wien ansässigen Webagentur Zensations. Seit drei Jahren unterstützt die Agentur Unternehmen bei der Erarbeitung und Umsetzung ihrer Online-Strategie.

HannemanWas für Möglichkeiten nutzen Unternehmen, um Mediennutzer einzubinden? 

Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten. Das kann von nachhaltigen Social Media Relations über den Aufbau von Blogger Relations, der Moderation von Foren bis hin zur gezielten Kombination von Online- und Offline-Maßnahmen reichen. Im Idealfall findet eine plattformunabhängige Kommunikation quer über alle Kanäle hinweg statt, um die Menschen überall zugleich abzuholen. Große Marken tun sich da wesentlich leichter. Aber für eine gute Idee braucht es nicht zwingend ein großes Budget. Es geht vor allem darum, zu verstehen, was die Menschen interessiert. Das Wichtigste ist, die Strategie nicht an die Wünsche des Geschäftsführers oder der Marketingabteilung anzupassen, sondern an die Menschen, die sie erreichen soll.

Hat sich der Umgang der Unternehmen mit User Generated Content durch die Social Media verändert?

In den Anfangsjahren wurden Social Media leider nur als weitere Kanäle zur One-Way-Kommunikation verstanden. Ganz nach dem Motto: Wir haben es immer so gemacht, jetzt machen wir es im Web einfach weiter so. Viele Unternehmen haben sich schwer getan, alt eingesessene Arbeitsweisen zu verändern und die Wünsche ihrer Kunden einzubinden oder auf Feedback zu reagieren. Zu groß war anfangs die Angst vor Kritik, erst allmählich haben viele verstanden, dies als Chance für das eigene Unternehmen zu sehen. Zum Glück hat sich hier in den letzten Jahren aber eine Professionalisierung eingestellt und die Angst vor Kritik ist in vielen Fällen dem Wunsch nach Feedback gewichen.

Vormals wurde außerdem die ‚Online-Community’ als eine gesonderte Zielgruppe betrachtet, die ab und an zwar mit einbezogen wurde, der Fokus lag aber auf althergebrachten Zielgruppendefinitionen. Davon abgesehen, dass es die ‚Online-Zielgruppe’ in diesem Sinn nie wirklich gab, ist heute jedermann online. Vom Schüler bis zum Pensionisten, vom Lehrer bis zum Fließbandarbeiter.

Mittlerweile ist zudem klar, dass klassische Werbung, Unternehmenskommunikation oder Produktkommunikation für sich alleine nicht mehr funktionieren. Soziale Medien haben den Menschen eine Stimme gegeben, sie möchten gehört werden. Wer an seinen Zielgruppen vorbei kommuniziert, wird sich langfristig nicht am Markt halten können. Der Trend geht eindeutig Richtung Inbound-Marketing und das beschreibt nichts anderes, als die gezielte Verknüpfung sämtlicher Online- und Offline-Prozesse im Unternehmen mit dem Ziel, von Menschen gefunden zu werden.

Eine neuere Erscheinung ist Content Marketing, bei dem Unternehmen Inhalte mit einem Mehrwert für die Nutzer bereitstellen, oftmals unter Mitwirkung von professionellen Journalisten. Welches Interesse haben Unternehmen daran?

Diese Entwicklung lag eigentlich auf der Hand. Journalisten haben gelernt, Inhalte nach Relevanz und für die Leser aufzubereiten. Viele Texte wurden oftmals von der PR-Abteilung oder Agentur im Corporate Wording verfasst und diese Inhalte spiegeln in vielen Fällen nur wider, wie das Unternehmen nach außen wahrgenommen werden möchte. Das Problem dabei: Es wurde zu wenig Wert darauf gelegt, wie Suchmaschinen von Menschen genützt werden und wonach eigentlich gesucht wird.

Das Business Modell von Google sieht vor, relevanten Content entsprechend der Suchanfrage prioritär zu listen. Im Gegensatz dazu haben viele Unternehmen auf zweifelhafte SEO-Maßnahmen gesetzt, um möglichst hoch in den Suchanfragen gelistet zu werden, auch wenn der bereitgestellte Content keineswegs den Erwartungen der User entspricht. Die Zielsetzungen der User und der Unternehmen sind somit konträr. Nachdem sich Suchmaschinen aber nur kurz- bis mittelfristig überlisten lassen, ist der einzige Weg, um gefunden zu werden, eine durchdachte Content-Strategie und informative Texte. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich hier Synergien zwischen Unternehmen und Journalisten ergeben.

Vom Standpunkt einer Kommunikationsagentur aus: Was finden Sie spannend an Open Journalism? 

Das Arbeitsumfeld von Medienmachern, Unternehmen und Agenturen hat sich wesentlich verändert. Die Grenzen zwischen Werbung, Public Relations und Marketing verschwinden immer mehr. Es gilt der Content-First-Ansatz. Auch Medienhäuser mussten sich mit der zunehmenden Digitalisierung auseinandersetzen, dadurch hat sich auch die Arbeitsweise von Journalisten verändert: Recherchetätigkeiten erfolgen heute ebenfalls online, über Websites, Soziale Netzwerke und Blogs, und das ist auch ein wichtiger Faktor für Unternehmen, die Informationen online bereitstellen. Es ist viel leichter geworden, mit Menschen in Kontakt zu treten, Informationen zu erhalten und Interviewpartner zu finden. Journalisten sind nicht mehr länger Gatekeeper, sondern auch Gatewatcher. Der Trend geht besonders durch Social Media in Richtung Mitmach-Journalismus und User Generated Content. Open Journalism bietet die Möglichkeit, die eigenen Leser beim Entstehungsprozess von Nachrichten auf Basis von deren Erfahrungen und Erlebnissen teilhaben zu lassen. Das öffnet nicht nur im Journalismus, sondern auch für Unternehmen neue Perspektiven.

Warum? Wo sehen Sie Parallelen zwischen Open Journalism und dem Umgang von Unternehmen mit Mediennutzern?

Open Journalism bindet Mediennutzer aktiv ein, ebenso machen es derzeit auch viele Unternehmen mit User Generated Content. Anders formuliert: Unternehmen arbeiten heute viel stärker gemeinsam mit ihren Kunden zusammen und servieren ihnen nicht nur die Ergebnisse ihrer Marketingstrategie. Es reicht für Unternehmen nicht mehr aus, im Web mit halbherzigen Inhalten präsent zu ein. Menschen suchen online nach Unterhaltung, Lösungen oder Hilfestellungen. Als Unternehmen ist man gut beraten, diesen Content bereitzustellen und den Wünschen des Publikums, das man erreichen möchte, zu entsprechen. Über gezieltes Monitoring und Zielgruppenansprache lassen sich auf diese Weise auch schon Fragen für die künftige Business Strategie beantworten. Es ist also insgesamt mehr Flexibilität in der Herangehensweise gefragt. Auch wenn das bedeutet, dass alteingesessene Denk- und Arbeitsmuster aufgebrochen werden. Durchdachtes Content Marketing ist nicht mehr einfach nur eine Ergänzung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Unternehmenskommunikation. Nur Unternehmen, die flexibel bleiben und rasch reagieren, können ihre Markenbekanntheit steigern, nachhaltige Kundenbeziehungen aufbauen und Leads generieren.

Coca-Cola bezeichnet sein Content Marketing auf dem neuen Webauftritt Journey als ‚klassisch’ im Gegensatz zu ‚open’. Wie genau könnte ein ‚Open Content Marketing’ aussehen? Gibt es das irgendwo bereits?

Unternehmen, die Open Content Marketing im Sinne von Open Journalism langfristig und konsistent praktizieren, sind mir derzeit nicht bekannt. Das würde letztlich ja bedeuten, dass die Marketing- und Kommunikationsagenden von den Kunden vorgegeben werden und das bringt auch Risiken mit sich. Content Marketing reicht von der Website über das Blog bis hin zu Sozialen Netzwerken und Public Relations. Derzeit gibt es hauptsächlich temporär begrenzte Aktivitäten unter Einbeziehung von User Generated Content, vor allem im Brand- und Produktmarketing.

Ein Projekt, das in Richtung Open Content Marketing geht ist zum Beispiel das Blog Ambassadorbase, für das sieben Studenten von Microsoft ausgewählt wurden, das Blog zu betreiben und dabei bei der inhaltlichen Gestaltung vollkommen freie Hand haben. Aber auch das ist eine Maßnahme von vielen und kein reines Open Content Marketing. Auch Foren, wie jene von Caterpillar und Hornbach, auf deren Website sich Benutzer austauschen und Tipps rund um Themen geben, die im weitesten Sinn mit den Unternehmen und deren Produkten beschäftigen, gehen in diese Richtung.

Ein Ansatz für Open Content Marketing, der eigentlich als Open Corporate Publishing zu verstehen ist, wäre zum Beispiel der Aufbau eines Online Magazins, wobei vom Unternehmen spezielle Themen vorgegeben werden und interessierten Benutzer die Gestaltung der Inhalte überlassen wird, oder sie sich aktiv am Entstehungsprozess beteiligen können. Letzteres Szenario nutzen im Moment vor allem Online-Medien, wie The Guardian mit guardian witness, CNN mit der Initative ireport oder die Süddeutsche Zeitung mit der Aktion Die Recherche.