Bardenhagen im Interview: „Crowdfunding ist ein großer Schritt weg von der üblichen Arbeitsweise“

Taiwanreporter Klaus Bardenhagen

Ein Buch über Taiwan ist das erste durch Unterstützer finanzierte Projekt auf Krautreporter.de. Im Interview verrät Autor Klaus Bardenhagen, wie er fürs Crowdfunding die Trommel gerührt hat, wofür sich Twitter und Facebook am besten einsetzen lassen und warum er die Unterstützer nur ausnahmsweise inhaltlich mitreden lassen würde. Bardenhagen berichtet aus Taipeh für den Deutschlandfunk, die Deutsche Welle und Zeitungen. Bis Mitte April ist er in Deutschland und schreibt sein Buch „Formosa! Das ist Taiwan“ fertig.

Herr Bardenhagen, verlangt Crowdfunding von Journalisten eine große Umstellung?

Wenn Journalisten eine Crowdfunding-Kampagne starten, müssen sie sich exponieren. Das ist bestimmt für viele ein großer Schritt weg von der üblichen Arbeitsweise. Für mich war das zunächst auch eine Hemmschwelle. Man sollte zum Beispiel bereit sein, für ein Video über das Projekt sein Gesicht in die Kamera zu halten. Man muss genug Vertrauen in die eigene Idee haben, um wildfremde Menschen um Unterstützung zu bitten. Dabei ist wichtig: Es geht nicht um „Bettelei“, denn am Ende eines erfolgreichen Projektes stehen ja Gegenleistungen für die Unterstützer. Und schließlich muss man die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Finanzierung am Ende nicht gelingt. Dann ist das eigene Scheitern für Jedermann sichtbar. Wenn ein Redakteur dagegen meine Themenidee ablehnt, weiß das nur ich. Wie man aus einer gescheiterten Crowdfunding-Kampagne das Beste macht, hat beispielhaft Julian Heck in einem Blogeintrag gezeigt. Er kann nun erhobenen Hauptes die nächste Idee angehen.

Wie viel zusätzlich Arbeit war das Crowdfunding bei Ihrem Buch über Taiwan?

Das lässt sich in Stunden schwer beziffern, weil es sich ja über mehrere Wochen hingezogen hat. Am Anfang musste ich das Video drehen, in dem ich mein Projekt vorstelle, und mich überhaupt entscheiden, wie ich Anderen die Idee schmackhaft machen will. Nachdem das Projekt gestartet war, habe ich immer wieder versucht, über neue Multiplikatoren auf das Buch aufmerksam zu machen. Das ist ein ständiger Feinschliff und war in diesen Wochen Teil meiner alltäglichen Social-Media-Aktivitäten. Es bringt auf jeden Fall nichts, sich zurückzulehnen nach dem Motto „nun sollen sie mal kommen“.

Sie nutzen Social Media schon länger und hatten sich als Taiwan-Reporter bereits eine „Crowd“ aufgebaut. Ging es Ihnen dabei vor allem um Selbstvermarktung?

Da kommt einiges zusammen. Natürlich geht es mir auch darum, mich weiter als Spezialist für mein Fachgebiet Taiwan zu etablieren. Da ist es schon hilfreich, wenn man nicht nur mit ein paar Freunden kommuniziert, sondern z.B. auf Facebook 3.000 Leute interessiert daran sind, was man zu sagen hat. Wobei 30.000 noch toller wären, ich mit 500 aber auch nicht unzufrieden war. Außerdem wollte ich die Möglichkeit haben, auch über Themen zu publizieren, die mir wichtig sind, die ich bei klassischen Medien aber nicht unterbringen kann. Und wenn es nur ein paar Fotos von einer interessanten Demo sind, die ich in der Stadt gesehen habe. Schließlich macht es vor allem ganz einfach wahnsinnig Spaß, im Netz immer neue Menschen kennenzulernen, mit denen man gemeinsame Interessen teilt. Über meine Facebook- und Twitter-Kanäle haben sich so schon viele persönliche Bekanntschaften ergeben.

Wie hilfreich sind Social Media, um Protagonisten für Geschichten und andere Ansprechpartner zu finden? Gab es Beispiele in Ihrer Arbeit, wo Ihre „Gefolgschaft“ Sie deutlich vorangebracht hat?

In der Praxis spielen sich meine Social-Media-Aktivitäten und die Arbeit an Berichten für klassische Medien meist noch in getrennten Sphären ab. Natürlich mache ich so viele Menschen wie möglich darauf aufmerksam, wenn ein Bericht erschienen ist oder eine Ausstrahlung ansteht. Aber ein integraler Bestandteil meiner klassischen Arbeit sind Twitter und Facebook noch nicht. Eine Ausnahme ist die Suche nach Experten, Protagonisten und anderen Ansprechpartnern. Das geht dank Social Media oft erstaunlich flott, wenn die Follower ihre eigenen Bekannten alarmieren. Ab und zu waren die sozialen Netzwerke für mich auch als Frühwarnzeichen wertvoll, wenn ein Thema kurz davor stand, ganz groß zu werden. Zum Beispiel gibt es in Taiwan seit letztem Herbst eine Studentenbewegung gegen ein drohendes Medienmonopol. Das wurde von den großen Medien zunächst belächelt oder ignoriert, aber auf Facebook konnte man gut mitverfolgen, wie die Bewegung immer weitere Kreise zog und z.B. mehr und mehr Menschen Fotos mit Solidaritätsbotschaften posteten. Das hat mich überzeugt, das Thema auch in Deutschland anzubieten. Am Ende standen dann Berichte in der taz und im Medium Magazin.

Was sind weitere Vorteile einer „Gefolgschaft“ im Netz?

Reden wir vom Geld. Hoffentlich gibt es im Netz schon bald eine wirklich funktionierende Möglichkeit, journalistische Inhalte über Micropayments etc. außerhalb der klassischen Redaktionen zu monetarisieren. Ich frage mich zum Beispiel, warum Facebook nicht schon längst unter jedem Post eine eigene Flattr-Variante integriert hat – sie könnten ja sogar Gebühren abschöpfen. Für so einen Fall möchte ich jedenfalls vorbereitet sein. Außerdem kann ich mit einer größeren „Gefolgschaft“ natürlich auch mehr Traffic auf mein Blog und meinen Youtube-Kanal lenken, die ich auch monetarisiere – im ganz kleinen Rahmen zwar, aber da kann ja noch was draus werden.

Ist der Kontakt zu den Unterstützern beim Crowfunding noch einmal etwas anderes oder doch sehr ähnlich zu Kontakten über Social Media?

Er ist anders, weil er unter anderen Voraussetzungen stattfindet: In den sozialen Netzen sind alle grundsätzlich gleichberechtigt unterwegs. Beim Crowdfunding will ich zunächst etwas von anderen, nämlich ihre Unterstützung. Und danach wollen sie etwas von mir, nämlich, dass ich meine Versprechen halte und ein vernünftiges Produkt abliefere. Das heißt, dass ich meine Updates, Mails etc. an die Unterstützer natürlich sorgfältig formuliere und auch nicht flapsig rüberkommen will. Viele von diesen Menschen kenne ich schließlich nicht persönlich, aber mit ihrer Unterstützung haben sie mir einen finanziellen Vertrauensvorschuss gewährt.

Das Konzept zu Ihrem Buch über Taiwan stand vorher schon fest. Könnten Sie sich auch vorstellen, in Zukunft Geschichten mit den Unterstützern gemeinsam zu entwickeln und diese mitreden zu lassen?

Auf jeden Fall könnte mir vorstellen, Geschichten als Crowdfunding-Projekt zu realisieren, wenn es wirklich sinnvoll ist. Wenn es etwa um Recherchekosten geht, die sonst nicht reinzuholen sind, oder um eine besondere Publikationsform. Ich beobachte aufmerksam, was die anderen Kollegen bei Krautreporter.de treiben und welche Projekte erfolgreich sind. Was das Mitreden angeht, das wird wohl nur im Ausnahmefall möglich sein. Jedenfalls sollte journalistisches Crowdfunding nicht darauf hinauslaufen, dass derjenige mit der größten Finanzierung am Ende die Inhalte bestimmt.

Haben Sie schon neue Crowdfunding-Pläne?

Momentan nicht, aber ich bin durch den Erfolg des ersten Projektes auf jeden Fall angefixt worden. In Zukunft werde ich das als Option ständig im Hinterkopf haben.

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