Bis die Vertriebsstrukturen zusammenbrechen

Die Lage ist ernst. Verlage und Zeitungen streichen Stellen, hunderte Journalisten in Deutschland sind arbeitslos. Um nur noch einmal die jüngsten Fälle in Erinnerung zu rufen, in denen ganze Redaktionen vor die Tür gesetzt wurden: Mit dem Ende der Financial Times Deutschland waren 330 Mitarbeiter bei den G+J Wirtschaftsmedien ohne Job, davon 250 aus dem Redaktionsbereich, bei der insolventen Frankfurter Rundschau mussten 340 Mitarbeiter gehen, die Redaktion der Westfälischen Rundschau ist komplett entlassen: 120 angestellte plus 180 freie Journalisten. 

Presse-Kiosk am U-Bahnhof Gneisenaustr.

Ganze Vertriebsstrukturen könnten zusammenbrechen, warnt taz-Geschäftsführer Ruch. Foto: simplifica, CC-BY-SA 2.0 de

Die Funke Mediengruppe (vormals WAZ) hat gerade angekündigt, 200 weitere Stellen in Content Desk, Anzeigenblätttern und dem Anzeigenbereich zu streichen. „Unsere Prognosen zeigen Risiken in Millionenhöhe, bereits im Januar und Februar liegen unsere Werbeerlöse unter denen des Vorjahres, das bisher das schlechteste Anzeigenjahr in unserer Geschichte war“, hieß es in einem Schreiben an die Belegschaft.

Andererseits herrschen bei uns auch keine spanischen Verhältnisse, wo, verstärkt durch die Finanzkrise, 8.000 Journalisten seit 2008 ihren Arbeitsplatz verloren. Neben der allgemeinen Wirtschaftslage, die auf die Anzeigenerlöse drückt, fällt bei uns vor allem auf, dass die Werbekunden von den Printmedien ins Internet abwandern. In den USA hat der Prozess schon vor mehreren Jahren eingesetzt und er dauert noch an. Im März dieses Jahres erst musste das Magazin The Boston Phoenix nach 47 Jahren wegen rückläufiger Umsätze schließen und die Printausgabe der wöchentlich erscheinden Daily Variety wurde nach 80 eingestellt.

Die sogenannte Zeitungskrise, die in Wahrheit eine Krise aller Printmedien ist, wird uns auch in Deutschland noch eine Weile beschäftigen. Manche drücken es drastischer aus, wie Karl-Heinz Ruch, Geschäftsführer der taz, in der schweizer Medienwoche: „Man kann davon ausgehen, dass der Niedergang weitergeht, sich sogar noch beschleunigen wird, denn die Digitalisierung ist ja erst am Anfang, die richtigen Geräte kommen noch. Es geht noch weiter: Sollte die Bild-Zeitung schliessen, werden ganze Vertriebsstrukturen zusammenbrechen.“

Was fehlt, sind überzeugende Strategien, die Leserschaft enger an die Medien zu binden, so dass entweder die Leser bereit sind, ihre Zeitung und ihr Magazin stärker finanziell zu unterstützen, oder die Printmedien dadurch für die Werbeindustrie wieder interessanter werden. Die taz ist da als eine der wenigen deutschen Zeitungen gezwungener Maßen Vorreiter, weil sie sich spät auf einem Markt ansiedelte, der schon aufgeteilt war: „Wir mussten uns schon immer um unsere Leser kümmern, das funktioniert wie bei einer Kirche oder bei einem Versicherungsverein. In anderen Verlagen ist diese Denke nicht vorhanden, da hat der Anzeigenkunde im Zweifel immer eine höhere Bedeutung als der Leser“, sagt Ruch.

Bis sich diese Denke auch in anderen Verlagen durchsetzt bleibt nur zu hoffen, dass die arbeitslosen Kollegen online einen neuen Broterwerb finden.

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