Bröckerhoff: Twitter-Tussis sind zu wenig

Headerst_ry heißt eine geplante Videodoku, die potenzielle Zuschauer einbinden möchte. „Als Unterstützer entscheidest Du mit, welchen Weg die Mission nimmt“, wirbt Reporter Daniel Bröckerhoff auf der Crowdfundingplattform startnext.de. Für die erste Sendung möchte er auf die Suche nach seinen Daten bei google, facebook, Schufa und Meldeamt gehen. Wir sprachen mit dem freien Journalisten über open journalism beim Fernsehen.

Wie funktioniert st_ry?

st_ry soll im Grunde funktionieren wie eine Dokumentationsreihe im Netz, bestehend aus insgesamt sechs Folgen. Der Unterschied zu klassischen Dokumentationen, bei denen man alles fertig recherchiert hingesetzt bekommt: Die Zuschauer können die Recherche quasi in Echtzeit mitverfolgen und sich an ihr beteiligen, sie können Feedback geben und mitentscheiden, in welche Richtung die Dokumentation gehen soll.

Die Recherche und der Austausch mit den Supportern wird auf unserem Rechercheblog stattfinden, der gerade unter stry.tv online gegangen ist. Wir haben auch schon angefangen mit der Recherche, erste Ergebnisse kann man auf meinem Blog sehen.

Warum braucht Fernsehen die Mitarbeit der Zuschauer?

Fernsehen braucht sie nicht unbedingt, aber der Journalismus sollte sich generell seinen Rezipienten öffnen, um besser und transparenter zu werden. Wenn die Journalisten von ihrem Elfenbeinturm herunterkommen, können am Ende alle gewinnen: Die Leser und die Redaktionen.

Muss das über Crowdfunding passieren?

Nein, es „muss“ gar nichts. Wir wollten aber versuchen, den offenen und transparenten Ansatz radikal umzusetzen und haben uns gesagt: Wenn wir schon die Community an der Recherche beteiligen wollen, sollten sie das dann nicht auch selber finanzieren? Dann ist es wirklich „ihre“ Dokumentation, ganz frei von fremden Einflüssen.

Wie kann der Dialog mit den Mediennutzern gelingen?

Das Wichtigste hierbei ist für mich immer authentisch und freundlich zu bleiben, auch wenn man kritisiert oder angegriffen wird. Außerdem versuche ich, auf jede Wortmeldung zu reagieren. Bis zu einer gewissen Größe geht das auch, derzeit ist das für mich alleine handhabbar. Wenn die Projekte größer werden, braucht man dafür allerdings Leute, die einem bei der Social-Media-Arbeit helfen.

Worin besteht die wesentliche Rolle des Journalisten in diesem Modell?

Der Journalist wird in meinen Augen immer mehr zum Moderator, zum Vermittler, zum Zusammenfasser und Kurator. Das ist im Newsbereich sicherlich noch stärker der Fall als im Dokubereich. Wir bleiben auch bei st_ry Journalisten, wir sind schließlich für das Produkt verantwortlich. Und wir werden unsere ganz normale Arbeit machen. Aber dabei sind wir immer offen und transparent und sagen unserer Community, woran wir gerade arbeiten, und fragen sie, was sie davon halten.

Im Radio gab es schon immer Hörerzuschaltungen, bei den Zeitungen passiert jetzt immer mehr Richtung Recherche unter Lesern. Fernsehen hängt da noch deutlich hinterher, oder?

Ja, im Fernsehen gibt es zwar zunehmend die scherzhaft so genannte „Twitter-Tussi“, die vorliest, was im Netz so gepostet wird. Aber interaktiv ist da noch wenig. Das ZDF hat mit „Login“ zumindest schon mal eine Talk-Sendung mit Rückkanal gebaut, das ist schon ein ganz guter Ansatz.

Welchen Stellenwert hatte open journalism auf der re:publica?

Ich war glaub ich der Einzige, der zu dem Thema gesprochen hat. Das Interesse an dem Vortrag war jedoch überraschend groß, es ist trotzdem immer noch ein Nischenthema. Meinen Vortrag kann man sich auch online anschauen.

Ist open journalism nur eine Mode oder die Zukunft?

open journalism ist auf jeden Fall mehr als nur eine Mode, aber es ist nicht die Zukunft des Journalismus. Es ist ein neuer Weg, Journalismus zu machen und mit den Rezipienten zusammenzuarbeiten. Aber open journalism allein wird nicht den Journalismus ins nächste Jahrhundert hieven.

Die letzten zwei Wochen der Ausschreibung laufen, noch sind erst 4.000 von 42.000 Euro zusammengekommen. Ist Fernsehen vielleicht einfach zu teuer, um sich ganz auf die Zuschauer zu stützen?

Es wurde uns oft gesagt, dass die Summe so gewaltig klingt, dabei wäre eine Dokumentation dieser Art unter normalen Marktbedingungen mindestens ein Drittel teurer. Fernsehen ist teuer und das ist vielen Zuschauern sicher nicht bewusst. Die preisgekrönten BBC-Dokus, die fast jeder gerne sieht, kosten oft 10.000-30.000 Euro pro Minute. Hier sehe ich zum einen die Chance, den Zuschauern das einmal bewusst zu machen. An st_ry sind 14 Leute beteiligt, 6 davon im Kernteam, die müssen und sollen doch für ihre Arbeit bezahlt werden. Zum anderen wird oft gesagt, auch von Crowdfunding-Plattformen, dass Crowdfunding bei grossen Projekten nur eine Finanzierungsstütze sein kann und man unter Umständen noch andere Geldquellen auftun muss. Das haben wir bewusst noch nicht getan, weil wir sehen wollten, ob sich so ein Projekt aus dem Netz finanzieren lässt.

Wie geht es weiter?

Wir haben uns schon viele Gedanken gemacht, warum das Projekt so nicht funktioniert hat. Eine mögliche Antwort: Das Produkt ist zu unkonkret. Wir haben uns stark auf die neue Form konzentriert, aber am Ende wollen Zuschauer wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Und wir Journalisten verkaufen Geschichten. „st_ry fehlt die story“, fasste Sebastian Esser von Krautreporter das Problem zusammen – damit könnte er Recht haben.

Wir wollen daher sehen, ob wir die Finanzierungphase verlängern dürfen. Startnext sieht sowas eigentlich nicht vor. Dann würden wir versuchen, die st_ry-Story klarer zu machen und schon mal eine Folge auf eigene Kosten drehen, damit die Funder sehen können, worin sie investieren. Andernfalls würden wir es im Herbst noch mal versuchen, wenn wir eine Folge gedreht haben.

Fest steht: Wir glauben an die Grundidee und wollen sie nicht so einfach zu den Akten legen. Nach dem ersten mißglückten Versuch gibt man nicht einfach auf – sondern versucht es nochmal!

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