Bunjes: „In den Köpfen der Menschen liegen viele Themen, man muss sie nur erfragen“

Miriam BunjesWo haben die Medien dieses Jahr geschlafen? Für die Wahl der am ärgsten vernachlässigten Themen nimmt die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) noch in diesen Wochen Vorschläge entgegen. Wieso die Initiative, die wir bereits hier im Blog vorgestellt haben, überhaupt notwendig ist und warum die Medien sich nicht selbst bei Ihren Nutzern erkundigen, fragen wir eins der langjährigen Jurymitglieder. Die freie Journalistin Miriam Bunjes ist seit 2007 bei der INA, für die sie als Lehrbeauftragte der TU Dortmund mit den Studenten die Themenvorschläge auswertet.

Müssen wir professionellen Journalisten uns schämen, dass Themen in den Medien untergehen?  

Diesen erhobenen Zeigefinger wollen wir gern vermeiden. Wir sagen, es gibt blinde Flecken. Damit prangern wir nicht an, sondern wir geben Impulse. Damit die Themen eben doch noch veröffentlicht werden.

Die INA in 60 Sekunden from Initiative Nachrichtenauflärung on Vimeo.

Aber ihr kritisiert doch die Medien?

Wenn wir sagen, dass etwas zu wenig bearbeitet wurde, dann haben das die Journalisten und die Medien zu wenig bearbeitet. Wir wollen auch analysieren, warum es diese blinden Flecken gibt. Da sind wir dem Journalismus gegenüber schon kritisch. Vielleicht führt das auch dazu, dass über uns manchmal nicht berichtet wird.

Wie ist die Resonanz auf eure jährliche Themenliste?

Wir können uns nicht über mangelndes Interesse beklagen, wenn wir die neue Liste herausgeben. Es melden sich dann oft Kollegen, um uns zu interviewen. Im Rest des Jahres ist es stiller. Aber es gibt immer wieder inhaltliche Nachfragen, wenn jemand eins der Themen anfasst.

Greifen die Medien die Themen nach der Veröffentlichung eurer Top Ten auf?

Wie viele Artikel aufgrund unserer Initiative zu den vernachlässigten Themen erscheinen, ist schwierig zu sagen. Die Top 1 vom vergangenen Jahr zum Beispiel, die fehlende Rente für Strafgefangene, ist mit Sicherheit immer noch vernachlässigt. Bei diesem Thema liegt es sicher daran, dass hier verurteilte Täter als Opfer auftreten, die im Rentensystem ungerecht behandelt werden. Sie haben keine Lobby, es gibt auch kaum Politiker, die sich hinter dieses Thema klemmen, weil bei Fragen der Verteilungsgerechtigkeit von Rente ein Engagement für Straftäter auch öffentlich schwer vermittelbar ist. Die Fraktion Die Linke hat zwar dazu parlamentarische Anfragen gestellt – Priorität hat die politische Arbeit dazu aber auch für sie nicht..

Woher stammt euer Maßstab, anhand dessen ihr sagt, über dieses Thema sollten die Menschen mehr erfahren?

Wir diskutieren das in den Rechercheseminaren und prüfen in Mediendatenbanken, ob die Themen gar nicht vorkommen oder sporadisch. Dann wägen wir das Verhältnis ab. Wenn über ein Thema, das die breite Bevölkerung betrifft, beispielsweise dass die Antibabypille als Lifestylemittel auf von der Pharmaindustrie bezahlten Infoportalen beworben wird – unser Platz 3 vom vergangenen Jahr – nur vereinzelt Artikel erschienen sind, dann ist das nicht ausreichend. Wir diskutieren, wie viele Leute von einem Thema betroffen sind, wie man die erreichen könnte und wie viel Berichtserstattung entsprechend angemessen wäre. In den Seminaren sind wir auch oft unterschiedlicher Auffassung.

Der Maßstab ist also, was die Mediennutzer interessiert? Wäre es dann nicht besser, wenn die Medien selber in den Dialog mit den Nutzern eintreten, via twitter und facebook etwa, und sich die Vorschläge direkt abholen?

Es geht nicht nur um Themen, die interessieren. Interesse würde ja schon voraussetzen, dass das Thema in irgendeiner Form bekannt ist. Journalisten sollen alles veröffentlichen, was relevant ist, was Menschen in die Lage versetzt sich eine Meinung zu bilden über die Welt, in der sie leben. Bei der Entscheidung für oder gegen Themen wirken aber auch Dinge auf Journalisten ein – Arbeitsroutinen, das Mediensystem selbst, PR und mehr –, die sie beeinflussen und manchmal Relevantes untergehen lassen.

Austausch mit dem Publikum nutzt daher immer. Bei allen vernachlässigten Themen ist es ja so, dass irgendwer die kennt. In den Köpfen der Menschen liegen ganz viele Themen, man muss sie nur erfragen. Deswegen finde ich auch wichtig, dass wir die erste Themenauswahl mit angehenden Journalisten in der Ausbildung erstellen – damit die lernen, dass man bei der Themensuche mit Menschen spricht und nicht nur googelt oder schaut, was die anderen so veröffentlichen. Hier haben sie außerdem Gelegenheit, mal ohne den Druck in einer Redaktion Themen ergebnisoffen zu recherchieren.

Spielt open journalism in den Seminaren eine Rolle?

Die darüberstehende Idee ist eigentlich eine ethische Idee: Dass alles, was viele Menschen betrifft, öffentlich sein muss, damit alle Leute in der Lage sind, ihre Entscheidungen frei zu treffen. Das ist die Idee von Journalismus überhaupt, die wird nur manchmal vergessen.

Wieso ist es notwendig, dass eine Uni-Initiative aus Journalisten Wissenschaftlern den Redaktionen sagen muss, wie sie ihren Job besser machen können?

Dass es notwendig ist, sieht man daran, dass jedes Jahr wieder wichtige Themen auf der Liste sind. Und vermutlich gibt es auch noch mehr blinde Flecken, die bei uns gar nicht eingereicht wurden. Ich sehe nicht, dass das abnimmt.

Im Ergebnis ist es also ähnlich, ob ihr die blinden Flecken benennt, oder es die Medien direkt von den Nutzern erfahren?

Ich denke, es ist ähnlich, wir haben uns aber als Initiative zusammengeschlossen, um die blinden Flecke im Auge zu behalten. Aber wir setzen uns ja nicht zusammen, um die Themen auszudenken. Das reichen die Leute bei uns ein.

Was sind die Ursachen für die Vernachlässigung?

Die Ursachen sind sehr unterschiedlich, die Medien unterscheiden sich ja auch stark. Grundsätzlich zieht die ökonomische Schraube stärker an, vor allem bei den etablierten Verlagen. Studien zeigen, dass die Zeit für Recherchen abnimmt. Die Themen auf unserer Liste erfordern, mal um die Ecke zu denken. Es sind komplizierte Themen, wo man länger dran sitzt, wo man auch mal bei Behörden Dokumente beantragen muss, dann muss man warten, sie auswerten. Das ist in vielen Verlagen leider Luxus geworden.

An manchen Vernachlässigungen wird sich demnach wegen den finanziellen Beschränkungen kaum etwas ändern lassen, oder?

Jeder, der in einer Redaktion arbeitete, weiß ja auch, dass er sich gegen Sachen entscheidet, aus Gründen, die nicht unbedingt was mit dem Thema zu tun haben. Für dieses Thema kriege ich keine Bilder, sagt man sich, und dann wird das Thema nicht gebracht. Fernsehberichte über Psychiatriethemen zum Beispiel, da ist ganz schwer eine Drehgenehmigung zu bekommen und auch bei Betroffenen zu recherchieren birgt inhaltliche Schwierigkeiten. Der Themenbereich würde aber viele interessieren und betrifft auch eine Menge Menschen. Dazu erhalten wir auch ganz viele Vorschläge. Es wurden auch in vielen Gegenden die Auslandskorrespondenten abgezogen – entsprechend werden eine ganze Menge Themen auch nicht bekannt, weil Journalisten sie gar nicht kennen können.

Dann fehlt den Medien manchmal die Motivation, ein Thema anzupacken, obwohl es bekannt ist?

Das gibt es auch. Die Strafgefangenen-Geschichte wäre gar nicht so aufwändig. Der Grund hier ist vermutlich eher, dass man sagt, das interessiert unsere Zielgruppe nicht. Da wird oft vermutet, was die haben will, und dabei oft vergessen, dass Journalismus den schlichten Auftrag hat, alle relevanten Angelegenheiten öffentlich zu machen.

Missverstehen die Medien manchmal auch ihre Zielgruppe?

Die Zielgruppen von Medien mit großen Auflagen sind ja sehr gemischt, Aussagen über sie zu machen, ist dadurch immer sehr spekulativ. Wenn nur nach Themen Ausschau gehalten wird, die vermeintlich gut ankommen, besteht wieder die Gefahr, andere Themen zu vernachlässigen.

Karl Valentin scherzte, „Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.“ Ist es nicht normal, dass manche Themen nicht vorkommen?

Das stimmt. Natürlich gibt es einen begrenzten Raum. Allerdings werden bestimmte Themen auch ständig veröffentlicht. Politikberichterstattung mit tagesaktuellen Zitaten wird niemals vernachlässigt. Weil es unter Journalisten ein angesehenes Feld ist. Für die Bevölkerung aber ist das wahrscheinlich gar nicht so relevant. Die möchte eher mal was erklärt bekommen: was hat das für eine Auswirkung auf mich und was kann man ändern? Jede Nachrichtenauswahl ist immer eine Entscheidung gegen Nachrichten, und es stehen nicht nur wichtige Sachen in den Medien. Viel Platz wird für Klatsch und Tratsch verschwendet. Oft wundert man sich ja auch, warum das alles so ähnlich ist von taz bis FAZ.

Wie viele Vorschläge, die bei euch eingehen, stammen tatsächlich von Mediennutzern?

Der größte Teil ist von Privatpersonen, die einzelne Vorschläge übers Internet einreichen. Es gibt daneben auch welche von Journalisten, Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen.

Bis wann können für die diesjährige Kür der Top Ten noch Vorschläge eingereicht werden?

Die nächste Kür ist in rund einem Monat. Im Moment nehmen wir noch alles mit. Allerdings, wenn es ein sehr aufwändig zu recherchierendes Thema ist, kann es sein, dass wir es nicht mehr schaffen. Die Studierenden machen ja auch noch andere Sachen als unser Seminar. Man kann immer Vorschläge einreichen. Berücksichtigt werden sie in jedem Fall, notfalls dann fürs nächste Jahr. Der Aktualitätsdruck der Medien ist sowieso oft künstlich. Die meisten Themen, die uns vorgeschlagen werden, betreffen keine Ereignisse, sondern langfristig relevante Zustände – die sozialen Spannungen, die sich zum Beispiel derzeit durch die Wirtschaftskrise in Europa aufbauen, werden in den nächsten Jahren noch viele Ereignisse hervorrufen, ihre Ursachen und Auswirkungen sind aber schon jetzt nicht unsichtbar. So ist das bei vielen Themen.

Kann man grundsätzlich alles einreichen?

Wir freuen uns über alle Vorschläge. Manchmal landen allerdings auch die Internettrolle bei uns und manche Sachen werden auch ständig eingereicht. Immer wieder kriegen wir Vorschläge zur Gesundheitsgefährdung durch Mobilfunk. Viele denken, das sei vernachlässigt, weil es ihnen selbst so wichtig ist – es ist aber in den Medien immer wieder ein Thema. Da sortieren wir aus. Wir versuchen aber allen eine Rückmeldung zu geben. Manche Einreicher sind dann total sauer, gerade wenn sie selbst schon viel mit etwas beschäftigt haben.

Über die Strahlenbelastung beim Mobilfunk wird viel berichtet, nur sehr kontrovers – ist das der Grund für das Gefühl der Vernachlässigung?

Ja, man kann an der Studienlage nicht entscheiden, ob eine Gefahr besteht oder nicht. In den Medien kommen alle Positionen vor. Gerade bei solch einem Streitthema wollen viele Leute dann, dass nur ihr eigener Standpunkt berücksichtigt wird. Aber dafür ist Journalismus nicht da.

Wie ist es mit den Medien selbst – ist der Medienjournalismus vernachlässigt?

Die breite Bevölkerung macht sich, glaube ich, tatsächlich falsche Vorstellungen von Journalismus. Sie wissen gar nicht, was da im Mediensystem für Konflikte auftreten und unter welchen Bedingungen Journalisten arbeiten – obwohl sich das auch sie auswirkt – dadurch dass Journalismus ja Dinge öffentlich machen soll, die alle betreffen. Dass die Zeit zum Recherchieren fehlt, hat ganz starke Auswirkungen auf das Publikum. Da geht es nicht darum, dass Journalisten Stress haben und jammern. Das bleibt ja nicht im Beruf selbst, das dringt nach außen, weil es die Qualität beeinflusst.

Uns wurde auch diesmal wieder ein Thema aus dem Bereich „freier Journalismus“ vorgeschlagen – die Arbeitsbedingungen freier Journalisten waren 2007 auch schon mal TOP-Thema bei uns. Denn es gibt immer mehr Freie im Beruf, die häufig unter starkem ökonomischen Druck stehen – was natürlich auch ihre Themenauswahl beeinflusst.

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