Gebt den Menschen einen Rückkanal!

„Jeder Mensch hat ein Gebiet, auf dem er ein kleiner Experte ist. Und jeder Mensch fühlt sich in seinem Selbstwertgefühl bestätigt, wenn seinen Teil zu einer Lösung beitragen kann.“ (PR im Social Web, Marie-Christine Schindler & Tapio Liller, O’Reilly Verlag, 2. Auflage, Juni 2012, S. 20)

Dass jeder Mensch etwas zusagen hat und gehört werden möchte, wäre gerade für den Journalismus eine hilfreiche, wenn nicht überlebenswichtige Erkenntnis. Auf zweifache Weise: Einerseits können Tipps und Ideen aus dem Publikum den Medien helfen, sich vom Einheitsbrei abzusetzen. Andererseits würde es die Bindung der Mediennutzer erhöhen, die gerade für die Werbeeinnahmen immer wichtiger wird.

Redaktion der franz. Zeitung Progrès 1894

Predigt aus dem Herrenzimmer: Redaktion der französischen Zeitung Progrès 1894. Heute könnten die Redaktionen viel mehr mit ihren Lesern kommunizieren, aber sie nutzen Social Media noch viel zu wenig. Foto: Wikipedia, public domain

 

Doch leider findet man solche Sätze noch immer eher in Handbüchern über PR, statt über Journalismus. Und die Werbeindustrie hat naturgemäß die neuen Möglichkeiten am aller schnellsten erkannt: Über das Social Web sind die potenziellen Kunden viel besser nach Interessen selektierbar als anderswo. So konnte Google im ersten Halbjahr 2012 bei den Werbeeinnahmen die gesamten Printtitel der USA überrunden (mit rund 21 Milliarden US-Dollar). Sogar facebook erwirtschaftet mittlerweile rund 2,5 Milliarden US-Dollar mit Werbung in einem halben Jahr.

Insgesamt hat man den Eindruck, dass sich gerade die Medien am schwersten mit dem Umbruch tun: dass einerseits die Leser, Hörer und Zuschauer heute andere Ansprüche haben, dass andererseits die Werbeerlöse dorthin fließen, wo das Publikum am besten bekannt ist und am zielgerichtetsten beworben werden kann.

Selbst ein Optimismus verströmender Richard Gutjahr bescheinigt dem deutschen Journalismus einen Blindenfleck bei den neuen Möglichkeiten im Social Web. „So versteifen sich die meisten Häuser aktuell zu sehr darauf, ihre neuen ‚Spielzeuge’ Facebook & Twitter lediglich als zusätzliche Verbreitungswege ihrer eigenen Inhalte zu benutzen, statt deren Rückkanal-Potential voll auszuschöpfen“, schreibt Gutjahr auf seinem Blog.

Dabei wird es zunehmend wichtig, das Publikum einzubinden: Das Publikum der Medien sei ein anderes, als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Es sei ungeduldiger und kritischer, weil es über die gleichen Quellen und Vergleichsmöglichkeiten verfügt wie die Journalisten – nicht zuletzt aber auch deshalb, weil es jetzt selbst Sender sein könne. Die Medien müssten ihr Publikum mehr als Kommunikations-Partner begreifen, statt als dummer weil stummer Empfänger. „Die (= unsere) Wahrheit von der hohen Kanzel herab zu predigen, das macht der mündige Leser/Zuhörer/Zuschauer in dieser Form nicht länger mit.“

2 Kommentare

  1. Pingback: Man kann es auch Mitmach-Journalismus nennen | Reportercafé

  2. Wie wahr. Aber der Rückkanal funktioniert nur mit Zuhören. Viele Unternehmen schaufeln ein Minimum an Zeit frei, um da und dort zu posten. Für mehr reicht’s nicht und dann macht sich in der nächsten Phase bald einmal Ernüchterung breit. Weil den Verantwortlichen Ideen für Themen ausgehen und weil auch niemand auf die Inhalte eingehen mag. Online-Monitoring wäre auch so ein Gebiet, dessen Nutzen man den Profis noch etwas näher bringen sollte.
    Wir freuen uns übrigens, dass es ein Zitat aus unserem Buch ist, das diesen Artikel einleitet. Vielen Dank dafür.

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