Ideen, Geld und Gästezimmer

Carmen Eckhardt plant einen Dokumentarfilm. Durch Crowdfunding hat sie eine breite Öffentlichkeit erreicht und viel Zuspruch, finanzielle und ideelle Unterstützung sowie viele weitere Impulse erhalten. Mittlerweile ist klar, dass in dem Projekt mehr als „nur“ ein Film steckt.

Über Krautreporter suchte die Filmemacherin Carmen Eckhardt zunächst nach finanzieller Unterstützung für ihr Projekt „Viktors Kopf“. Das ist die Geschichte ihres Urgroßvaters, der 1943 unter der Nazi-Herrschaft auf dem Schafott hingerichtet wurde. Der Leichnam ist bis heute verschwunden, das Todesurteil immer noch gültig, obwohl es Gesetze gibt, mit denen es hätte aufgehoben werden können.

Für das Projekt fand die Filmemacherin zunächst keinen Sender, NS-Themen haben es mittlerweile schwer und Viktors Kopf überzeugte zwar, schien aber nicht quotenträchtig. Durch das Crowdfunding wurde aber das Interesse der Sender ebenfalls geweckt.

Während der Ausschreibung auf Krautreporter bewegte sich einiges. Die Filmemacherin war sehr überrascht, aus wie viel unterschiedlichen Ecken das Geld zusammen kam. Es beteiligten sich Studenten, andere Filmemacher und viele aus dem bürgerlichen Lager. „Damit hatte ich nicht gerechnet, weil das Thema sehr belastend ist“, sagt Eckhardt.

Doch nicht nur Geld steckten wildfremde Menschen in das Projekt: Eine Unterstützerin aus Düsseldorf bot Eckhardt ihr Gästezimmer an, wenn sie im Rahmen der Arbeiten in der Gegend übernachten müsse. Mit der Ausschreibung entstanden viele Kontakte zu gesellschaftlichen und medialen Akteuren. „Die AnStifter – Eigensinn + Zivilcourage“ (http://www.die-anstifter.de/) unterstützen Viktors Kopf und machten Carmen Eckhardt ihr großes Netzwerk im Raum Stuttgart zugänglich. Diese Woche veranstaltet die Initiative ein Treffen vor dem Stuttgarter Landgericht, bei dem über die Hinrichtungen in der NS-Zeit am Ort des Geschehens gesprochen wird. Weiterhin hat sich ein Theaterintendant gemeldet, der an einer Theaterbearbeitung interessiert ist.

Durch den historischen Kontext erntete Eckhardt viel Zuspruch: „Wildfremde Menschen meldeten sich und erzählten mir ihre Familiengeschichte aus dieser Zeit. Das fand ich sehr berührend und das macht sehr viel Mut.“ Auf diese Nähe musste sich Eckhardt erst mal einlassen. „Ich hatte sicherlich eine etwas kritischere Distanz zu sozialen Medien wie Facebook. Das Crowdfunding und der damit verbundenen Aufmerksamkeit war schon ein kleiner Sprung ins kalte Wasser.“

Mittlerweile hat Carmen Eckhardt das Crowdfunding und die Berichterstattung darüber in den Film bzw. den ersten Teil davon integriert. So wurde der Besuch eines Radioreporters zum Interview und Veranstaltungen wie die in Stuttgart kurzerhand gefilmt, die Unterstützung von außen wurde Teil des Films.

Mit der ersten Crowdfunding-Stufe hat Eckhardt den Stein ins Rollen gebracht, weitere Schritte sind in Planung. Die Umsetzung wird eventuell durch eine weitere Crowdfunding-Kampagne realisiert. Der Umfang des endgültigen Films ist noch unklar. Aber: „Jetzt fühle ich mich meiner Familie und den Unterstützern gegenüber auch in der Verantwortung, das Projekt bis zum Ende durchzuziehen“, begründet sie den festen Willen, weiter an Viktors Kopf zu arbeiten. Schließlich ist das auch Teil ihrer Geschichte.

Timo Stoppacher

Veröffentlicht von Timo Stoppacher

Journalist, Sachbuchautor und Dozent. Nerd, Geek und vieles mehr. Weitere Profile von mir: @CGNTimo, Facebook (Person), Facebook (Seite) und Google+.

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