Kramp: „Zeitungen beteiligen Leser an der Recherche, daran zeigt sich ein erstes Umdenken.“

Dr. Leif KrampEine Befragung für die Studie „Die Zeitungsmacher“ stellt eine Aufbruchstimmung und eine neue Offenheit zu den Lesern fest. Im Interview erklärt uns Dr. Leif Kramp, Kommunikations- und Medienwissenschaftler der Universität Bremen und einer der Autoren, wie das beides zusammenhängt. 

Laut einer Journalistenbefragung der TU Dortmund sind die deutschen Journalisten eher skeptisch, was open journalism angeht. Sind wir im internationalen Vergleich rückständig?

Es gibt einen nicht zu unterschätzender Hinweis auf ein erstes Umdenken in deutschen Zeitungsredaktionen: Die partielle Offenheit gegenüber einer Leserbeteiligung an der Recherche, gepaart mit der redaktionellen Nutzung sozialer Medien. Auch wenn es speziell international Beispiele von Zeitungsredaktionen gibt, die viel weiter gehen, sich als „Open Newsroom“ verstehen, Lesern also buchstäblich Tür und Tor öffnen und selbst an ihren täglichen Redaktionskonferenzen teilhaben lassen. De facto haben sich hierzulande konkrete Modelle für eine systematische Partizipation von Nutzern bei der Erstellung von journalistischen Beiträgen noch nicht überzeugend durchgesetzt.

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In deutschen Zeitungsredaktion überwiegt die Zuversicht, was die Zukunft des Journalistenberufs anbelangt. Das ist vor dem Hintergrund allgegenwärtiger Krisensymptome wie Personalabbau, Tarifflucht und der Einstellung einzelner Zeitungstitel bemerkenswert.

Die angespannte Lage der Pressewirtschaft ist dennoch insbesondere für jüngere Redakteure Anlass zur Sorge: Dem Medium Tageszeitung wird keine rosige Zukunft bescheinigt. Offenbar ist das aber kein Grund für die Zeitungsredakteure, ihren Beruf in Frage zu stellen oder zu befürchten, es würde in Zukunft keine Arbeit mehr für Journalisten geben. Im Gegenteil: So sehr sich Redakteure um die Finanzierung ihrer Zeitung oder ihres Verlags machen, so stark glauben sie auch daran, dass Journalismus wichtiger für die Gesellschaft wird und damit große Chancen hat. Das betrifft auch die Möglichkeiten, mit Nutzern in einen Dialog zu treten.

Woran machen Sie fest, dass die Lust gestiegen ist, den Leser zu beteiligen?

Dass es unter Journalisten eine gewisse Skepsis gibt, wenn es an die konkrete Einbeziehung der Leser geht, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Bereitschaft von Zeitungsredakteuren, Routinen zu durchbrechen und tatsächlich neue Wege zu gehen, hält sich anscheinend noch in Grenzen. Dabei wären viele Szenarien vorstellbar, Nutzer zum Partner und Verbündeten im journalistischen Arbeitsprozess zu machen. Nichtsdestotrotz stufen die Befragten über alle Altersklassen hinweg soziale Netzwerke wie u.a. Facebook als wichtigste Internet-Angebote für ihre redaktionelle Arbeit ein. Anders als Blogs oder Podcasts, die sich eher durch ein konventionelles Angebotsschema auszeichnen, stehen also interaktive, dialogische Plattformen im Vordergrund des Interesses.

Woran und wie werden die Leser am meisten beteiligt?

Immerhin etwa die Hälfte der Befragten unserer Studie kann sich vorstellen, die Nutzer stärker in ihre Recherchen einzubinden.

Welche Journalisten sind besonders aufgeschlossen?

Über alle Altersgrenzen hinweg wird die Distanz zum Leser von den Zeitungsredakteuren als tendenziell ausgewogen bis gering wahrgenommen. Es sind aber insgesamt eher solche Journalisten, die meinen, dass das Berufsbild eines Moderators oder auch eines Community Managers für Zeitungsredakteure in Zukunft mehr gefordert sein werden.

Anfang 2010 sagten in einer Studie (“Medien-Trendmonitor – Journalismus in einem neuen Informationszeitalter” von news aktuell und der Agentur Faktenmonitor) nur ein Drittel der Befragten, sie hielten die Kommunikation mit dem Leser für bedeutsam. Wie sieht das heute aus? 

Die Kommunikation mit dem Nutzer hat auch im Zeitungsjournalismus immens an Relevanz gewonnen und ist zum Teil selbstverständlich geworden. Das zeigen auch unsere Befragungsergebnisse: Das Bewusstsein für die Notwendigkeit, die soziale Medien mit ihren jeweiligen kommunikativen Rahmungen und Mechanismen in die redaktionelle Arbeit zu integrieren, ist gewachsen. Ob nun als Quelle für die Recherche, als Möglichkeit, auf die eigenen Beiträge aufmerksam zu machen, oder aber als Chance, mit den Nutzern direkt über bestimmte Themen und Fragestellungen zu diskutieren und dies als Teil der journalistischen Funktion zu begreifen – und vor allem das wird zweifellos immer wichtiger.

Wann und warum hat ein solcher Sinneswandel stattgefunden?

Hier spielen zwei Faktoren eine entscheidende Rolle: Erstens hat die technologische Entwicklung, allen voran das Internet und der digitale Wandel, die Voraussetzungen für die Herstellung von Öffentlichkeit grundlegend verändert. Und zweitens gibt es weltweit immer mehr Teile der Bevölkerung, welche die technologischen Möglichkeiten des mediatisierten Kommunizierens und Publizierens nutzen. Dadurch werden journalistische Informations- und Unterhaltungsangebote per se nicht obsolet, sie bekommen aber Konkurrenz, wenn die Zahl alternativer Angebote über diverse digitale Kanäle und Plattformen wächst. Ganz ausdrücklich sind hiermit nicht allein professionell erstellte Angebote gemeint: Die Nutzeraktivität selbst sorgt dafür, dass sich Strukturen einer informationellen Selbstversorgung ausbilden, bei der journalistische Inhalte nur eine von vielen Quellen sind. Das ist eine Erkenntnis, die über den Umweg der wirtschaftlichen Folgen, die aus dem Wandel der Mediennutzung und damit einhergehend des Werbemarktes resultieren, nun auch in den Zeitungsredaktionen ankommt.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer optimistischen Aufbruchsstimmung und Partizipationsmöglichkeiten für Leser?

In unseren Befragungsergebnissen gibt es unterschiedliche Hinweise darauf, dass eine positive Sicht auf die derzeitige Stimmungslage in den Zeitungsredaktionen mit der Bereitschaft verbunden ist, sich für eine stärkere Leserbeteiligung einzusetzen oder diese zumindest zu begrüßen. So können sich beispielsweise etwa ein Drittel jener Befragten, die eine Aufbruchsstimmung diagnostizieren, vorstellen, im Rahmen ihrer persönlichen Möglichkeiten Leser in die Recherche und die Publikation eines Themas einzubeziehen. Optimismus ist also durchaus ein wichtiger Antriebsmotor für Redakteure, um Veränderungen gegenüber offen zu sein oder aber sogar den Wandel kreativ mitzugestalten. Der Nutzer wird dabei auf jeden Fall eine zentrale Rolle spielen.

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