Langer: „Ein Newscafé hätte ich am ehesten der Berliner Morgenpost zugetraut“

Am experimentierfreudigsten und offensten gegenüber den Nutzern sind die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und die Rhein-Zeitung. Das findet Medienjournalistin Ulrike Langer. Was mehr man sich wünschen könnte, was sie vom Start der Huffington Post in Deutschland erwartet und warum die Grenze zwischen journalistischen Laien und Profis schon immer fließend war, erklärt uns die Mit-Herausgeberin des Medienforums Vocer im Interview.

Ulrike LangerFrau Langer, zwei Journalistinnen haben ein Vocer-Stipendium gewonnen und sind jetzt als Crowdspondent in Brasilien. Was ist die Idee und von wem ist sie?

Die Idee stammt von Lisa Altmeier und Steffi Fetz, zwei Absolventinnen der Deutschen Journalistenschule. Sie sind für drei Monate als Auslandskorrespondentinnen in Brasilien und lassen jeweils ihre Fans und Nutzer darüber abstimmen, über welche Themen sie berichten sollen – daher der Name „Crowdspondent“. Das Ziel ist natürlich, auf diese Weise auch Ideen umsetzen zu können, ohne von einer Redaktion abgewimmelt zu werden, weil ein Thema „die Nutzer“ angeblich nicht interessiere. Was die Nutzer wirklich interessiert, erfahren Lisa und Steffi unmittelbar. Und das sind durchaus auch sperrige Themen. Bei der letzten Abstimmung beispielsweise entschied sich die Mehrheit der Nutzer dafür, zu erfahren, warum Lehrer in Brasilien einen so schlechten Beruf haben, und nicht etwa dafür, was in Rios angesagten Clubs abgeht.

Denken Sie, das sich diese unmittelbare Beauftragung durch die Leser und Mediennutzer irgendwann finanziell selbst tragen könnte? Wie könnte ein Geschäftsmodell aussehen?

Die erste Crowdspondent-Runde ist durch das Vocer Medialab Stipendium abgesichert. Das funktioniert aber nur mit viel Begeisterung für die Sache. Lisa und Steffi stecken fast jeden Cent in das Projekt und fast keinen in ihren eigenen Komfort. Sie teilen sich ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer bei einer brasilianischen Familie und produzieren ihre Podcasts im Kleiderschrank. Aber sie haben die einmalige Chance, in diesen drei Monaten eine treue Fangemeinde aufbauen. Das ist die Voraussetzung dafür, weitere Projekte vielleicht per Crowdfunding zu finanzieren oder auch eine Redaktion für eine Kooperation zu interessieren, denn als innovative Auslandsreporterinnen sind Lisa und Steffi jetzt natürlich keine Unbekannten mehr.  Wenn sie einer Redaktion zusichern können, wir bringen 4.000 oder 5.000 Nutzer mit, die nachweislich an unseren Themen interessiert sind, dann ist das ein großer strategischer Vorteil gegenüber einem konventionellen freien Journalisten, der einen Themenvorschlag einreicht.

Mit SHIFT ist jetzt ein Printmagazin in der Gründungsphase, das ebenfalls auf Mitbestimmung setzen will. Kann das funktionieren?

Ich bin ehrlich gesagt positiv überrascht, dass es geklappt hat. Allerdings hat Magazingründer Daniel Höly unglaublich viel Energie in seine Crowdfunding-Kampagne gesteckt. Jetzt kommt es darauf an, den Schwung beizubehalten und die Finanzierung auf sichere Beine zu stellen. Das Problem beim Crowdfunding ist die dauerhafte Finanzierung fortlaufender Projekte, denn dazu müssen einmalige Unterstützer zu irgendeiner Art von Abonnenten werden. Daniel verhandelt aber bereits mit Sponsoren. Inhaltlich und optisch überzeugt mich sein Magazinkonzept ohnehin. Mich hat nur die Fixierung auf Print erstaunt.

Beim Open Journalism scheint der Mut in Deutschland zugenommen zu haben. Die Süddeutsche hat mit Die Recherche die Zusammenarbeit mit den Lesern institutionalisiert und transparent gemacht. Kann man sich noch mehr wünschen?

Klar, man kann sich immer noch mehr wünschen. Der Guardian beispielsweise lässt Nutzer bei ausgewählten Projekten tatsächlich mitrecherchieren und nicht bloß darüber entscheiden, welche Themen recherchiert werden sollen. Die New York Times blendet in einem neuen Projekt ausgewählte, besonders wertvolle Nutzerkommentare direkt in den Beiträgen ein und hebt sie dadurch hervor. Aber Sueddeutsche.de ist auf einem sehr guten Weg. Die Onlineredaktionen der SZ, Zeit oder auch der regionalen Rhein-Zeitung sind in puncto Experimentierfreunde und Öffnung gegenüber den Nutzern in Deutschland weit vorne.

Der Guardian setzt mit seinem Projekt Witness mehr auf Inhalte, welche die Nutzer allein beisteuern und die dann kuratiert werden. Die Recherche ist da deutlich interaktiver, oder?

Die beiden Ansätze kann man schlecht miteinander vergleichen. Witness ist eine Plattform für nutzergenerierte Inhalte. Sie wird vom Guardian erstens technisch bereitgestellt und zweitens – und das ist die entscheidendere Leistung – die Beiträge der aktiven Nutzer werden gezielt kanalisiert und kuratiert, damit auch etwas Anregendes dabei herauskommt. Die Recherche ist ein Ansatz, um davon wegzukommen, Journalismus an den Interessen und Bedürfnissen der Nutzer vorbei zu produzieren.

Ist der geplante Start der Huffington Post in Deutschland ein Gewinn in Sachen Open Journalism?

Ich begrüße den Start der Huffington Post schon allein deshalb, weil ich jeden Ansatz gut finde, der zupackt, anstatt den Verlust der angeblich goldenen Zeiten im Journalismus zu bejammern. Ob die HuffPo nun aber allein durch ihre Existenz den Ansatz Open Journalism stärkt, bezweifle ich. Es hängt dort von jedem einzelnen Autoren ab, inwieweit er oder sie sich gegenüber den Nutzern öffnen will. Die meisten Autoren auf der amerikanischen oder britischen Website veröffentlichen dort ganz konventionell ihre fertigen Beiträge und diskutieren anschließend mit den Nutzern darüber – oder auch nicht. Ich sehe die HuffPo eher als interessantes Experiment, ob es 2013 einem Newcomer gelingen kann, sich als bundesweites Nachrichtenportal zu etablieren. Vor allem, wo jetzt immer mehr etablierte Onlinemedien Paywalls hochziehen wollen.

Bei golem.de schrieben schon seit längerem Blogger mit. Jetzt gibt es für erfolgreiche Geschichten sogar Geld. Müssen wir uns daran gewöhnen, dass die Grenze zwischen Laienschreibern und Profis nun ein fließender Übergang ist?

Diese Grenze war schon immer fließend. Eingeschickte Beiträge von pensionierten Lehrern oder Vereinsvorsitzenden habe ich Anfang der 90er Jahre während meines Volontariats bei einer Regionalzeitung ziemlich häufig redigiert. Ebenso wurde das auch in den Jahrzehnten davor gehandhabt. Journalist ist kein Beruf, für den man ein Diplom oder eine Zulassung braucht. Journalist ist auch nicht nur, wer bei einer Zeitung, einem Sender oder einem Onlinemedium arbeitet. Wer mit dem Anspruch veröffentlicht, die Wirklichkeit abzubilden, arbeitet journalistisch. Ob mit oder ohne Bezahlung. Und egal in welchem Umfang. Neu ist bloß, dass Amateure mit Blogs, Facebook, Twitter, YouTube, Podcasts etc. inzwischen auch eigene Produktionsmittel und Veröffentlichungsplattformen haben.

In den USA und Canada gibt es Redaktionen, die in open newsrooms,  in sogenannten Newscafés arbeiten. Kommt dem in Europa etwas gleich, etwa das Café des Guardian in London?

Die Ansätze des Register Citizen Cafés in Torrington, Connecticut oder des Winnipeg Free Press Cafés in Kanada gehen viel weiter als europäische Newscafés. Die von mir genannten Beispiele sind physische Orte für Open Journalism. In Winnipeg können Bürger bei Interviews und Diskussionen im Café selbst Fragen stellen. In Torrington ist die gesamte Redaktion offen. Die Bürger nehmen an Redaktionskonferenzen teil (die auch ins Netz gestreamt werden), Vereine oder Bürgerversammlungen können die Konferenzräume nutzen, Bürger können an Terminals recherchieren oder schreiben. Auf diese Weise sind die Journalisten ganz nah dran an den Bürgern, und nicht nur um ihnen heiße Getränke und die Zeitung zu verkaufen.

Wem trauen Sie am ehesten zu, das erste Newscafé in Berlin zu eröffnen?

Dieser Titel ist längst vergeben, den hält die taz. Wenn es aber um weiterreichende Konzepte für Newscafés geht, wie ich sie gerade beschrieben habe, dann hätte ich das bis vor Kurzem am ehesten Springer mit der Berliner Morgenpost zugetraut. Mit dem anstehenden Verkauf an die Funke-Gruppe glaube ich allerdings, dass es mit der Innovationsfreude dort schnell vorbei sein wird.

2 Kommentare

  1. Pingback: Andere über uns: “Ist das nun die Zukunft von Journalismus?” | crowdspondent

  2. Eine Ergänzung zur Ulrike Langers Anmerkung “Mich hat nur die Fixierung auf Print erstaunt” zum Magazin SHIFT: Das Magazin erscheint deshalb zunächst in gedruckter Form, weil die große Mehrheit der Digital Natives(!) nach wie vor Print bevorzugt, siehe: http://juiced.de/10889/printmagazin-fuer-junge-leser-ja-bitte.htm (Frage 5) Einige weitere Gründe, die für Print sprechen, habe ich hier aufgelistet: http://juiced.de/16797/print-ist-tot-lang-lebe-print.htm

Kommentar verfassen

Pflichtfelder sind mit * markiert.