Man kann es auch Mitmach-Journalismus nennen

Buch-Cover_Journalismus in der Digitalen Moderne", Springer 2013In der PR war es schon lange Usus, dass man die Leute da abholen muss, wo sie sich selbst aufhalten. In der Journalistik kam die Kommunikation mit dem Mediennutzer auf Augenhöhe jedoch bislang viel zu kurz, wie ich hier im Blog monierte. Dass das Thema zumindest die Literatur angekommen ist, zeigen vier Beiträge in „Journalismus in der digitalen Moderne“ (Kramp/Novy, Springer VS 2013):

Der Artikel, der am meisten Mut für die Zukunft der Medien macht, ist zugleich leider ein Artikel aus den USA, der also aus deutscher Sicht uns doch wieder nur das Mögliche vor Augen führt. Emily Olsons „The open Newsroom“ habe ich deshalb einzeln vorgestellt.

Aber auch hierzulande rückt das Thema mehr und mehr ins Bewusstsein, wie vor allem die Beiträge der praktisch tätigen Autoren zeigen. Die pointierteste Analyse der aktuellen Situation in Deutschland stammt von Bernd Oswald („Vom Produkt zum Prozess“).

Im Internet herrscht Waffengleichheit zwischen Bürgerjournalisten und professionellen Journalisten, konstatiert Oswald. Die Profis sind damit ihre frühere Rolle als Schleusenwärter, die den Informationsfluss der Gesellschaft steuern, los. Das Monopol der Medien auf Informationen ist pulverisiert.

Statt Gatekeeping können die Journalisten also nur noch Gatewatching betreiben. Und hier liegt eben die große Chance. In der rasant anschwellenden Flut von Informationen sind Leute gefragt, die interessantes Material identifizieren, zielgruppenspezifisch aufbereiten und weiterverteilen. Viele Internetnutzer können und wollen diese Filterleistung nicht selbst aufbringen.

Neben den Instrumenten, die ein Journalist heute im Internet beherrschen sollte, beschreibt Oswald knapp das Wesen multimedialen Storytellings und führt durch Zitate der letzten fünf Jahre, die allesamt zeigen, dass es auch in Deutschland schon seit längerem ein Bewusstsein dafür gibt, wohin die Reise geht – etwa von Wolfgang Blau, Daniel Bouhs und Ulrike Langer.

Nur: die Medien haben sich noch kaum zu den Mediennutzern geöffnet, trotz einzelner Beteuerungen, wie wichtig das ist. „Es gibt immer noch eine große Zahl von Journalisten, die es fremdelt bei dem Gedanken, die Leser derart stark in das eigene Tun einzubinden“, schreibt Oswald.

Doch daran führe in Zukunft kein Weg mehr vorbei. „Das Sender-Empfänger-Modell von einst hat noch einen Platz in der Geschichte der Kommunikationswissenschaft, aber nicht mehr in der Medienwirklichkeit von heute. Mehr als je zuvor müssen Journalisten ihre Eigenschaft als aufmerksame Gesprächspartner beweisen.“ Auf dem Weg dahin kann es nicht schaden, Oswalds Artikel aufmerksam zu lesen.

Mut macht auch der Artikel von Jörg Sadrozinski, der als Leiter der Deutschen Journalistenschule in München den Finger in die gleiche Wunde legt („Zwischen Beruf und Berufung“) – und hoffentlich die heutigen Auszubildenden auf das richtige Gleis setzt.

Noch im Jahr 2010 hatte in der Studie Medien-Trendmonitor nur ein Drittel der Befragten angegeben, die Kommunikation mit Lesern, Hörern und Zuschauern sei bedeutsam, zitiert Sadrozinski. Damit seien insbesondere viele Zeitungsredaktionen bei einem Rollenverständnis der frühen 80er Jahre stehen geblieben.

„Viele Journalisten sehen offenbar nicht, dass sich neben den Mediennutzungsgewohnheiten auch die Kommunikationsbeziehungen ändern. Social Media, Facebook und Twitter sind für viele Journalisten keine Fremdworte mehr. Der professionelle Umgang damit ist es hingegen schon“, kritisiert Sadrozinsky.

Einen spannenden Einblick in eine der wenigen, wenn nicht sogar die avantgardistischste Redaktion in Deutschland, gibt Philip Grassmann, Chefredakteur von Der Freitag („Das Leben der Community“). „Wir wollen die Grenzen zwischen Print und Online soweit wie möglich abbauen. Das bedeutet gleichzeitig, dass wir auch die Unterschiede zwischen den Redakteuren und Bloggern überwinden müssen. Es handelt sich in gewisser Weise um einen Austausch zum gegenseitigen Nutzen“, erklärt er.

Beim Freitag kann schon einmal ein Bloggbeitrag in der Community Auslöser für die Titelgeschichte sein. Manche Blogbeiträge finden auch direkt den Weg in die gedruckte Zeitung. „Zeitgemäßer Journalismus muss die Leser mit einbeziehen, ihnen die Gelegenheit zum Austausch bieten. Es geht dabei um Partizipation, um Mitgestalten. Man kann es auch Mitmach-Journalismus nennen“, schreibt Grassmann.

Diesem Ideal näherte sich der Freitag – und nähert sich offenbar noch immer – in mehreren Phasen an. Anfangs fand das Mitmachen hauptsächlich in Onlinedebatten in den Kommentaren unter den Artikeln statt. Später mischten sich dort auch die Redaktionsmitglieder selbst mit ein.

Um die Diskussion nicht zu hemmen, wurden die Kommentar in Echtzeit veröffentlicht, statt sie erst zu prüfen und dann freizuschalten. Es zeigte sich: „Gerade weil wir einen partizipativen Ansatz zu unserem Prinzip erklärt haben, fühlen sich nicht nur die Redakteure, sondern auch die Community-Mitglieder verantwortlich für das, was auf ihrer Plattform geschieht“, erklärt Grassmann.

Die Redaktion ging deshalb einen Schritt weiter: 2012 gab es erstmals Community-Konferenzen, auf der eine kleine Schar von Bloggern mit den Redakteuren über das Konzept diskutierte.

Grassmann lässt offen, welche weiteren Schritte denkbar sind, sieht auf jeden Fall aber Luft nach oben: „Am Ende wird freitag.de eine Social-Media-Plattform für Journalismus sein, die gemeinsam von Usern und Journalisten gestaltet wird.“ Vielleicht denkt man beim Freitag ja auch einmal über ein Newscafé nach, wie es im gleichen Band Emily Olson bei der amerikanischen Zeitung The Register Citizen beschreibt.

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