Open Newsroom bei The Register Citizen: „Niemand kann und soll einen Gast abwehren“

Buch-Cover_Journalismus in der Digitalen Moderne, Springer 2013

Live-Stream von der Redaktionssitzung, Besuch von Lesern im offenen Newsroom, Geschichten mit und über die Leser – das alles gibt es bereits. Wie open journalism konsequent ausgeführt tatsächlich funktioniert, beschreibt Redaktionsleiterin Emily Olson von der Lokalzeitung The Register Citizen in Torrington, Connecticut, der nach eigenen Angaben ersten Zeitung, die ihren Newsroom in ein Café verwandelte („The Open Newsroom“ in: Journalismus in der digitalen Moderne, Kramp/Novy, Springer VS 2013).

Ende 2010 zog die Zeitung The Register Citizen in ein neues Gebäude und richtete dort einen frei zugänglichen Newsroom ein: „Jeder Bürger kann buchstäblich zu Fuß bis an den Schreibtisch gelangen und eine Frage stellen. Die Trennwände um unsere Schreibtische sind so niedrig, dass wir bei der Arbeit für alle zu sehen sind, die durch die offene Tür unsere Redaktion betreten. Niemand von uns kann sich verstecken. Niemand kann und soll einen Gast abwehren“, schreibt Olson.

So konnte es sich beispielsweise ereignen, dass ein Vater mit seinem kleinen Sohn an sie herantrat und nach einem Reporter fragte, um ihm seine Mappe mit Unterlagen zu zeigen. Dem Mann war von einem Polizisten verboten worden, seinen Marktstand an seiner üblichen Stelle zu betreiben, und zwar von einem Polizisten, der bereits einmal gefeuert, verhaftet und zu einer Geldstrafe verurteil worden war. Aus dieser Vorgeschichte und der aktuellen juristischen Auseinandersetzung des Mannes mit der Obrigkeit ergab sich für die Redaktion bereits am Ende des Tages eine gute story.

Dass es so gut funktionieren würde, sei für sie und die Kollegen beim Einzug noch nicht  absehbar gewesen. Vielmehr hätten sie sich komisch gefühlt. Alle dachten, es würden täglich Menschenmassen in die Redaktion strömen. Tatsächlich halten sich die an der Redaktion interessierten Besucher aber in Grenzen. „Für unsere Begriffe könnten sich noch viel mehr Bürger mit ihren Geschichten an uns wenden.“ Es habe auch noch nie jemand versucht, ihr über die Schulter zu schauen und zu erklären, was sie zu schreiben habe. Das Experiment sei geglückt. Olson klingt stolz, wenn sie erklärt, dass andere das Konzept übernommen haben: „Wir aber waren die ersten.“ (Einen Bericht über andere Newscafés gibt es u.a. bei vocer.de.)

Im Newsroom gibt es eine Galerie und ein Café, die viele Orte und Gelegenheiten bieten, sich zusammenzusetzen und miteinander zu sprechen. An einem Mikrofilm-Sichtplatz kann jeder die Archive durchstöbern. Die Besucher können sich auch einfach in Ruhe Platz nehmen, Zeitung lesen oder an ihren Laptops arbeiten.

Was diese neue Arbeitsweise für sie geändert habe? „Alles“, sagt Olson. Sie halten ihre Redaktionssitzung werktags um 16Uhr öffentlich ab und sie streamen auch live auf der Website, wie die Reporter ihre Themenpläne vorstellen. Interessierte können sich via Live-Chat dazuschalten, Fragen stellen und Informationen beisteuern.

Die Redaktion pflegt genauso offen und intensiv ihre Online-Community. Ohne Twitter und facebook würden die Redakteure „auf jämmerliche Weise unwissend bleiben. Wir würden nicht erfahren, was unsere Leser wirklich wissen wollen“, findet Olson. Ja, die Besucher in den Räumen der Redaktion und der Onlineplattform seien gar die wichtigsten Informanten für ihre Arbeit.

Der digitale Newsroom bei The Register Citizen ist wie Olson schreibt nicht nur eine Erweiterung, sondern der eigentliche Kern der Redaktion. Alles werde zuerst online veröffentlicht, die Printausgabe gebe es dann eben noch für diejenigen, die es lieber gedruckt lesen. Die Community sei lebendig, wenn auch bissig und launenhaft. Sie debattiere so gut wie alles von Gesundheitskosten, über den Feuerwehrwagen bis hin zur Farbe der Blumen im Stadtpark.

Dies habe das Selbstverständnis der Redakteure stark verändert. Erst durch den digitalen Newsroom hätten sie wirklich erfahren, was Gemeinschaft bedeutet. Als Journalisten seien sie nun viel stärker Teil jener Gemeinschaft, über die sie berichten.

Wie manch andere Zeitung habe auch The Register Citizen in finanziellen Schwierigkeiten gesteckt, die jetzt aber abgewendet seien. Voller Pathos schreibt sie: „aber wir retteten unser sinkendes, vom Konkurs bedrohtes Schiff in etwas Lebensfähiges, auf das sich Leser verlassen können”, und man fragt sich, ob irgendein Deutscher Redakteur heute so innig und verbunden über seine Zeitung sprechen würde.

Man vergleiche nur einmal, was der Kölner Stadtanzeiger gerade zur Eröffnung seines neuen Newsrooms als Revolution bezeichnete. „Der neue Regio-Desk, der die verschiedenen Regionalausgaben künftig zentral erstellt, breche mit mehr als 150 Jahren Zeitungsgeschichte, um noch näher an die Leser heranrücken zu können.“ Hier herrscht leider noch immer das Bild der Einbahnstraße vor, die Redaktion „versorgt … ihre Leser von 6 bis 24 Uhr auf allen Kanälen mit den neuesten Informationen“. Verglichen mit dem Newsroom von The Register Citizen ist das nicht einmal ein Trippelschritt voran.

2 Kommentare

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