Hören, was ich will

Webradio und Podcasts sind nichts neues mehr. Jeder kann zur jeder Zeit die Musik und die Infos abrufen, die er hören möchte. Doch ein automatisch zusammengestelltes Programm nach den eigenen Vorlieben inkl. tagesaktueller Berichterstattung, das gab es noch nicht. In diese Lücke stößt myRADIOday. Außerdem haben Radio-Journalisten hier eine einfache Möglichkeit zur Zweitverwertung.

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Jeder kann kostenlos ein Profil mit seinen Lieblingsthemen anlegen und bekommt dann als Stream Nachrichten zu diesen Themen. Das Ganze ist kostenlos, weil Werbespots mit ins Programm gestreut werden. Für 6 Euro im Monat können die Werbespots abgeschaltet werden, das klassische Freemium-Modell. Die Hörer bestimmen das Programm, bzw. welchen Teil davon sie hören möchten. Eine Chance für Nischenthemen, die auf UKW-Mainstream-Wellen keinen Platz finden.

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Gerade Nischenthemen, die im Mainstream-Radio kaum Platz haben, finden diesen auf myRADIOday.

Interessant ist das Modell nicht nur für den Hörer, sondern auch für Radio-Journalisten: Hier können sie Beiträge zweitverwerten oder Beiträge einstellen, für die sie keinen Abnehmer finden, weil sie zu speziell sind. Denn inhaltlich dürfen die Beiträge viele Themen abdecken, sollen einigermaßen aktuell sein und es gibt – vielleicht die größte Freiheit für den Journalisten – keine Beschränkung auf 1:30.

Reich werden kann man mit der Vergütung wohl noch nicht. myRADIOday verspricht auf der Autorenseite: ”Die Möglichkeiten der myRADIOday-Plattform sind lukrativer als die VG-Wort-Ausschüttung oder die Onlinerechte-Vergütungen der meisten Sender.” In einer E-Mail, die zum Start verschickt wurde, heißt es konkret: “Ein Beitrag, der 10.000 Mal geklickt wird, erreicht zum Beispiel eine Ausschüttung von ca. 10 Euro.”

Nun gut, für diese Summe wird niemand Beiträge nur für myRADIOday produzieren, aber wenn sich der Direkt-Vertriebsweg fürs Radio durchsetzt, worauf die Macher hoffen, könnten die Beträge auch höher steigen. Und wenn sich zu einem Thema durch die Hörer eine höhere Nachfrage ergibt, könnten die Macher darauf entsprechend reagieren und passende Beiträge produzieren lassen. Laut einer aktuellen Social Media-Studie gehören Podcasts (und nichts anderes ist das ja technisch) zu den Gewinnertrends in 2013.

Anmerkung: Thomas Becker von myRADIOday machte mich darauf aufmerksam, dass es sich nicht um einen Podcast handelt, weil nur aktuelle Beiträge abgespielt werden (siehe Kommentar). Sorry für den Fehler.

 

“Gut gemachte Geschichten, die kommentiert und geteilt werden können”

Content Marketing bietet eine langsam wachsende Nische für Journalisten – wenn diese die Arbeit im Namen einer Marke nicht scheuen. So hat das Unternehmen Coca-Cola im April dieses Jahres seinen deutschen Internetauftritt in ein Online-Magazin namens „Journey“ umgewandelt.

Dort finden sich erwartungsgemäß Artikel rund um das Getränk – etwa wie man Flaschen mit dem eigenen Namen auf dem Etikett erhält. Daneben gibt es aber auch lockerer mit dem Produkt verbundene Geschichten, wie die eines Straßenkünstler, der überall Schaukeln aufhängt und bereits in einem Werbespot des Unternehmens auftrat. Diesen lebensweltlichen Bezug zur Marke haben auch ein Interview mit dem niederländischen Soziologieprofessor Ruut Veenhoven über Lebensfreude und eines mit dem Trendforscher Prof. Peter Wippermann über die Bedeutung von digitalen Medien für Freundschaften.

Wir fragten Chefredakteurin und Media Relations Manager Leane Zaborowski sowie die freie Journalistin, Carola Dorner, wie die gemeinsame Arbeit für eine solche Seite aussieht.

Leane Zaborowski_300dpiLeane Zaborowski ist seit rund fünf Jahren bei Coca-Cola und kümmert sich seit Anfang 2013 ausschließlich um „Journey“.

Frau Zaborowski, wo sind Sie tätig gewesen, bevor Sie Chefredakteurin des Online-Magazins wurden?

Ich habe einige Erfahrungen in Redaktionen und Agenturen gesammelt und bin seit 2003 in der Markenkommunikation unterwegs – zunächst auf Agenturseite für Kunden aus der Lebensmittelbranche, seit 2008 bei Coca-Cola im Bereich Brand PR und Media Relations. Als unsere Kollegen in Atlanta im November 2012 Journey gelauncht haben, haben wir mit großen Augen an unseren Bildschirmen geklebt und ziemlich schnell gewusst: Das wollen wir auch!

Wie ist die Redaktion von Journey aufgestellt?

Unterstützung bekomme ich von meinem Social Media Kollegen, der für den multimedialen Content und für die Verlängerung der Inhalte in unseren sozialen Netzwerke zuständig ist, und natürlich von allen anderen Kollegen, die Themenvorschläge einreichen oder ihre Projekte so gestalten, dass gute Inhalte für Journey ermöglicht werden. Unser Redaktionsteam, mit dem wir wöchentliche Redaktionssitzungen abhalten, besteht zudem aus fünf Freelancern – vier Journalisten und einem Art Director – die alle sehr professionell arbeiten. Im Übrigen machen wir auch regelmäßige Blattkritiken und laden dazu vor allem externe Experten ein. Es ist uns extrem wichtig, nicht betriebsblind zu werden, sondern permanent an der Verbesserung der Seite zu arbeiten.

Wie entwickeln Sie Themenideen? Können Sie beispielsweise auch Leser kontaktieren und Anregungen geben?

Wir treffen uns mit allen Beteiligten zu regelmäßigen Themenkonferenzen, jeder bringt seine Ideen ein, die entwickeln sich weiter – also alles ganz klassisch. Und natürlich können Leser uns auf allen üblichen Wegen kontaktieren, vom Verbraucherservice über den Kommentar auf Journey selbst.

Was ist der Vorteil für Coca-Cola an einer Plattform wie Journey gegenüber anderen Marketingformen?

Ich würde weniger von einem Vorteil sprechen, da wir Journey eher als gute Ergänzung zu den anderen von uns genutzten Marketingformen sehen, die alle ihre Daseinsberechtigung haben. Ein eigenes Online-Magazin zu publizieren, bietet sicherlich die Möglichkeit, noch tiefer in Themen einzutauchen, als das in anderen Kanälen möglich ist. Dabei zählt es vermutlich zu den eher kostengünstigen Mitteln, gemessen z.B. an klassischer Werbung. Und: Ein bisschen ist das auch eine Spielwiese, auf der wir mit wenig Aufwand viel ausprobieren und sehr flexibel handeln können. Wir können noch viel lernen – und genau dafür ist dieser Freiraum wichtig.

Ist Journey langfristig angelegt oder läuft es in absehbarer Zeit aus?

Coca-Cola Journey hat unsere alte Corporate Website vollständig abgelöst. Es ist unser einziger Unternehmensauftritt in Deutschland – abgesehen von der Website unseres Konzessionärs, der Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG. Der Launch von Journey ist gut durchdacht und sehr langfristig angelegt. Das heißt nicht, dass wir nicht fortlaufend optimieren und sicherlich auch ab und an kleine Veränderungen an der Seite vornehmen. Aber am grundsätzliche Konzept wird sich erstmal nichts ändern.

Was könnte der Grund sein, dass Content Marketing jetzt auch in Deutschland langsam an Boden gewinnt?

Ich glaube nicht, dass Content Marketing jetzt erst ‚an Boden gewinnt’. Bei Coca-Cola wird Marketing schon seit geraumer Zeit nach dem Prinzip des Storytelling umgesetzt. In Cannes, wo Coca-Cola in diesem Jahr als Creative Marketer of the Year ausgezeichnet wurde, gab es einen Workshop, der sich nur dem Thema „#workthatmatters“ gewidmet hat, also sozial relevanten kreativen Arbeiten – und da ging es u.a. um Werbung von Coca-Cola, die zum Teil schon Jahrzehnte alt ist. Neu ist vielleicht, dass wir dafür nicht mehr nur unsere klassischen Kanäle nutzen und auch nicht nur die moderneren wie die Facebook- und Twitter-Profile des Unternehmens, sondern jetzt auch eigene dafür geschaffen haben. Ich sehe Coca-Cola Journey als eine sinnvolle Ergänzung der Owned Media in unserem Portfolio, das uns ermöglicht, gute Unterhaltung und einen Blick ‚hinter die Kulissen’ des Unternehmens und seiner Marken zu bieten.

Carola Dorner_2Carola Dorner ist freie Online-Journalistin und Mitglied des Redaktionsteams von Coca-Cola Journey.

Frau Dorner, für welche Arbeitgeber arbeiten Sie außerdem?

In meinem Leben vor „Journey“ war ich freie Journalistin. Das bin ich heute immer noch und möchte es auch bleiben. Coca-Cola ist einer meiner Auftraggeber. Ansonsten schreibe ich für verschiedene Print- und Onlinemagazine, aktuell unter anderem für fluter.de, Spiegel-Online, Goethe.de.

Wie viel Journalismus steckt in Ihrer Arbeit für „Journey“?

Ich überlege mir Themen und Textform, recherchiere, interviewe, schreibe, redigiere. Also schon eine ganze Menge journalistisches Handwerk.

Was für Artikel haben Sie beispielsweise veröffentlicht? 

Ich schreibe hin und wieder neutralere Themen, aber auch viele Geschichten rund um die Marken, Kooperationen und Initiativen. Zum Beispiel über eine Aktion des Blogs ‚Post aus meiner Küche’. Oder über die ungewöhnliche Aufgabe eines Markenbotschafters.

Könnten manche der Artikel genauso auch woanders erscheinen?  

‚Woanders’ ist natürlich weit gefasst. Im Grunde könnten viele der Beiträge in anderen Zeitschriften und Online-Magazinen erscheinen, wenn sie thematisch passen. Allerdings hat die Mehrzahl der Artikel einen klaren Bezug zu Coca-Cola und wird vor allem von Menschen gelesen, die sich für die Geschichten rund um das Unternehmen interessieren.

Was genau hat Coca-Cola davon, dass Ihre Artikel auf Journey erscheinen?

Lesenswerte, gut gemachte Geschichten. Attraktiven Content für den Besucher der Seite, der kommentiert und geteilt werden kann. Außerdem stelle ich als Externe andere Fragen und habe eine andere Perspektive als Mitarbeiter des Unternehmens – das erhöht manchmal die Relevanz der Beiträge.

Bietet diese Art der Arbeit Vor- oder Nachteile für Journalisten?

Vorteile. Ein guter Mix aus unterschiedlichen Auftraggebern ist für freie Journalisten immer sinnvoll. Allerdings muss der Journalist streng darauf achten, dass er seine rein journalistische Arbeit vom Corporate Publishing trennt, sonst wird er unglaubwürdig. Jeder Journalist, der seinen Job ernst nimmt, weiß wo er in Interessenskonflikt gerät. Ich würde natürlich keinen journalistischen Auftrag über koffeinhaltige Softgetränke annehmen.

Mit der Crowd gegen den blinden Fleck

Die Initiative Nachrichtenaufklärung hat nicht nur ihre diesjährige Top-Ten-Liste der vernachlässigten Themen veröffentlicht. Erstmals hat sie in Kooperation mit Krautreporter.de Crowfundingprojekte initiert, um diese Lücken zu schließen. Ein konsequenter Schritt, der Schule machen könnte: „Je nachdem wie diese Kooperation läuft, werden wir zukünftig immer so vorgehen“, sagte uns INA-Mitglied Miriam Bunjes.

Sitzung der INA

Wahl der Top Ten der vernachlässigten Themen: Die Sitzung der Initiative Nachrichtenaufklärung am 11. Juli. Foto: INA

Auf Platz 1 der Top-Ten-Liste steht dieses Jahr das Thema „In Spendierroben: Wie Richter ohne Kontrolle Geld aus Prozessen verteilen“. Denn der Niedersächsische Landesrechnungshof stuft Richter als besonders korruptionsgefährdet ein, heißt es in der Begründung: Die Richter entschieden jedes Jahr über die Verwendung von ca. 100 Millionen Euro, die die Justiz als Geldauflagen in Prozessen einnimmt.

Wer sich für dieses Thema stark machen will, hat nun die Gelegenheit, auf Krautreporter.de die freie Hörfunkjournalistin Miranda Schiller zu unterstützen. Sie möchte dafür Tausend Euro einwerben, um sich durch Akten zu wühlen und das eine oder andere Interview zu führen.

Bereits die Vorschläge für die Top Ten der vernachlässigten Themen der INA kommen aus der breiten Bevölkerung. Da liegt es nahe, diese auch an der Umsetzung zu beteiligen, was mittels Crowdfunding leicht möglich ist. „Dass das Publikum hier noch einmal über die vernachlässigten Themen entscheidet, finde ich sehr spannend, weil wir die Liste ja deshalb gewählt haben, um Themen, die für die Bevölkerung wichtig, aber öffentlich untergegangen sind, Aufmerksamkeit zu verschaffen“, sagt Bunjes.

Vor der Bekanntgabe der Top Ten haben die INA, Pressefreiheit in Deutschland und Krautreporter.de eine gemeinsame Anzeige geschaltet und aufgerufen, sich zu bewerben. Das konnten auch Student aus den Rechercheseminaren, in denen die Vorschläge für die Wahl der INA ausgewertet werden, wie beispielsweise Haluka Maier-Borst. Er nimmt sich dem Top 7 „Bonuszahlungen für Ärzte – auch bei nicht zugelassener Medikation“ an. Zweitausend Euro will er für ein Multimediafeature über Anwendungsbeobachtungen und den deutschen Pharmamarkt einwerben, sucht aber genauso nach Mit-Rechercheuren.

Dann musste es schnell gehen: Am 11. Juli wurden die Themen von der INA gewählt und am 12. veröffentlich. „Krautreporter und Pressefreiheit in Deutschland haben dazwischen mit den Autoren die Ausschreibung finalisiert, dann sind die Teams schon gestartet“, erklärt Bunjes. Der als Starttermin auf Krautreporter.de angegebene 7. Juli sei insofern irreführend. Wegen der knappen Frist seien auch erst für acht der zehn Themen Teams gefunden, die ein Crowdfundingprojekt anpacken.

Jetzt fiebert Bunjes mit den Teams mit, ob und wie viele von Ihnen die nötige Summe zusammenbekommen. Nächstes Jahr wird die Organisation eventuell noch anders laufen. „Aber ich bin sicher, dass das eine sehr gute Chance ist, für unsere Themen die Öffentlichkeit zu bekommen, die sie verdienen.“

Und Erfolg kommt von Folgen

Heribert Prantl hielt vor Kurzem eine Rede über die Zukunft des Qualitätsjournalismus vor dem österreichischen Zeitungsverband. Für sich betrachtet kann man diesem Vortrag in vieler Hinsicht zustimmen, für einen Autor der Süddeutschen Zeitung, die mit dem Projekt Die Recherche gerade einen mutigen Schritt voran gemacht hat, bleibt die Vision aber nach meinem Empfinden etwas dünn. Sie nimmt zwar das Internet in den Blick, ist auf diesem Auge aber etwas kurzsichtig. Ich möchte deshalb entlang einiger Passagen diese Vision etwas weiterführen. In der linken Spalte finden sich Zitate von Prantl, rechts eine denkbare Ergänzung im Sinne des open journalism.

Heribert Prantl

Ergänzungen nach open journalism

„Zeitungen sind systemrelevant. …Zeitungen backen das tägliche Brot der Demokratie.“ Nicht nur die Zeitungen sind systemrelevant. An einer anderen Stelle spricht Prantl von der gesamten Presse, was deutlich stimmiger ist. Qualitätsjournalismus verändert sich in Zeiten von Social Media, nimmt auch neue neue Formen an.
„Pressefreiheit ist nicht die Freiheit zu bequemer Berufsausübung; sie ist vor allem die Pflicht zur Aufklärung.“ Nicht nur Journalisten haben eine Pflicht zur Aufklärung. Sie sollten ihr Publikum auch nicht als gänzlich unaufgeklärt betrachten, sondern wenn möglich einbinden.
„Es [das Internet] erreicht das Publikum im Idealfall in Echt-Zeit. Es verfügt also über eine Fähigkeit, die eine Zeitung bei allergrößtem Bemühen nicht erreichen kann.“ Hier mag es noch angehen, von „dem“ Internet zu sprechen. Es ist aber kein homogenes etwas, es gibt Blogs, Foren, Social Media und auch Onlinezeitungen. Der Dualismus ist trügerisch. Das Internet ist kein Konkurrent des Journalismus. Es hat die Zeitung auch nicht übertrumpft. Sondern es gibt ihr neue Ressourcen und Verbreitungswege an die Hand.
„Die Stärke des Internets ist die Rasanz, die Stärke der Zeitung die Analyse. … all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt.“ Auch Zeitungen finden online statt, sie sind nicht abgehoben und getrennt vom Internet. Im Internet ist nicht nur die Echt-Zeit abgebildet, sondern es bietet gleichermaßen Platz für Zeitloses. Die Zeit Online beispielsweise setzt zunehmend auf lange Geschichten.
„Die Zeitung kann Wegweiser sein im Wirrwarr; sie kann Informationen destillieren, konzentrieren, auswerten, bewerten.“ Um Wegweiser im Internet zu sein, sollten sich die Zeitungsmacher im Internet auskennen, Kommunikation in beide Richtungen wagen, eine Reaktion des Publikums suchen und empfänglich dafür sein.
„Eine solche Tageszeitung wird dann eine Solidarität und eine Autorität haben, von der das Internet nur träumen kann.“ Um Autorität und Solidarität im Internet zu haben, muss man vor allem dort präsent sein.
„Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie noch wichtiger als bisher. Gegen Datentrash hilft, wie gesagt, nur kluge Analyse und Hintergrundbildung.“ Gute Redakteure können aus dem Internet viel herausholen, weil es eben nicht nur Datentrash enthält, sondern viel Wissen. Journalisten brauchen dafür neue Fähigkeiten, wie kuratieren, crowdsourcen und mit den Mediennutzern in den Dialog treten.
„Ein guter Journalismus muss wegen der den Blogs nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.“ Nicht die einen zeigen die Lücken der anderen auf: gemeinsam kommt man weiter. Blogs sind ein Teil des Internets, Onlinezeitungen ebenfalls. Es gibt einen fließenden Übergang zwischen Laien und Profis.
„Umfragen über das Image von Journalisten fallen nicht sehr glänzend aus.“ Schlechte Umfrageergebnisse liegen auch an der vormaligen Verschlossenheit der Journalisten, die oftmals von oben herab Weisheiten verkündeten und sich zu selten eine Rückmeldung holten, wie das bei dem von ihnen beschallten Publikum ankam.
„Die große Frage lautet: Wie schafft man Vertrauen?“ Vertrauen schafft man u.a. durch Nähe zu den Nutzern, indem man sich Rückmeldungen holt, Anregungen aufgreift und sie mitreden lässt.
„Leidenschaftlicher Journalismus muss das Internet nicht fürchten, im Gegenteil. Man sollte damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren – hie Zeitung und klassischer Journalismus, da Blog mit einem angeblich unklassischen Journalismus. … Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.“ Wir brauchen jedoch eine Antwort darauf, dass Journalismus an seinen Rändern ausfranst, dass Laien mit Blogs, Twittermeldungen und dergleichen für Furore sorgen, manche sogar ein Stellenangebot von Redaktionen erhalten. Wir sollten einsehen, dass diese Grenze zwischen Journalismus durch Laien hier und Profis dort offener und durchlässiger geworden ist. Dann können wir sie für uns nutzen und vom Wissen der Laienschreiber profitieren. (Das Internet ist außerdem mehr als nur Blogs.)
„Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution.“ Ungleich stärker als das Publikum ist die Zahl der potenziellen Informanten gewachsen. Es ändern sich auch die Gewohnheiten der Mediennutzer. Die umfassender informierte Allgemeinheit stellt andere Ansprüche an Journalismus und will mitreden.
„Es wird daher, und in den Zeiten des Internets mehr denn je, gelten: Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual.“ In Zeiten des Internets gilt vor allem: Die Mediennutzer bringen vereinzeltes Spezialwissen mit, das der Journalist nicht hat und sich zunutze machen sollte. Erfolg kommt nämlich von Folgen.
„Ich wünsche uns allen diese glänzende Zukunft. Dieser Glanz misst sich nicht unbedingt an einem gewaltigen Einkommen. Er besteht in dem Stolz, wenn man sagen darf: Wir backen für Sie das tägliche Brot der Demokratie.“ Glanz und große Worte finden sicher auch die jüngeren Kolleginnen und Kollegen gut. Viele empfinden sich wohl die meiste Zeit einfach als Teil einer Gemeinschaft, für die sie eine Dienstleistung erbringen. Sie haben Spaß daran, dazuzugehören und das Brot der Demokratie gemeinsam mit anderen zu backen. Für diese Dienste wollen sie angemessen bezahlt werden, auch darin kommt die Wertschätzung der Gesellschaft für die Leistung zum Ausdruck.

Viele andere Ausführungen in der Rede von Prantl finde ich wie gesagt vollkommen richtig und wichtig. Es ist ein starkes Plädoyer für Leidenschaft, Mut und demokratischen Gestaltungswillen. Ich habe dem nichts gegenüberstellen wollen, sondern einige Ideen hinzugefügt, um die Vision von Qualitätsjournalismus etwas anzureichern.

Ideen, Geld und Gästezimmer

Carmen Eckhardt plant einen Dokumentarfilm. Durch Crowdfunding hat sie eine breite Öffentlichkeit erreicht und viel Zuspruch, finanzielle und ideelle Unterstützung sowie viele weitere Impulse erhalten. Mittlerweile ist klar, dass in dem Projekt mehr als „nur“ ein Film steckt.

Über Krautreporter suchte die Filmemacherin Carmen Eckhardt zunächst nach finanzieller Unterstützung für ihr Projekt „Viktors Kopf“. Das ist die Geschichte ihres Urgroßvaters, der 1943 unter der Nazi-Herrschaft auf dem Schafott hingerichtet wurde. Der Leichnam ist bis heute verschwunden, das Todesurteil immer noch gültig, obwohl es Gesetze gibt, mit denen es hätte aufgehoben werden können.

Für das Projekt fand die Filmemacherin zunächst keinen Sender, NS-Themen haben es mittlerweile schwer und Viktors Kopf überzeugte zwar, schien aber nicht quotenträchtig. Durch das Crowdfunding wurde aber das Interesse der Sender ebenfalls geweckt.

Während der Ausschreibung auf Krautreporter bewegte sich einiges. Die Filmemacherin war sehr überrascht, aus wie viel unterschiedlichen Ecken das Geld zusammen kam. Es beteiligten sich Studenten, andere Filmemacher und viele aus dem bürgerlichen Lager. „Damit hatte ich nicht gerechnet, weil das Thema sehr belastend ist“, sagt Eckhardt.

Doch nicht nur Geld steckten wildfremde Menschen in das Projekt: Eine Unterstützerin aus Düsseldorf bot Eckhardt ihr Gästezimmer an, wenn sie im Rahmen der Arbeiten in der Gegend übernachten müsse. Mit der Ausschreibung entstanden viele Kontakte zu gesellschaftlichen und medialen Akteuren. „Die AnStifter – Eigensinn + Zivilcourage“ (http://www.die-anstifter.de/) unterstützen Viktors Kopf und machten Carmen Eckhardt ihr großes Netzwerk im Raum Stuttgart zugänglich. Diese Woche veranstaltet die Initiative ein Treffen vor dem Stuttgarter Landgericht, bei dem über die Hinrichtungen in der NS-Zeit am Ort des Geschehens gesprochen wird. Weiterhin hat sich ein Theaterintendant gemeldet, der an einer Theaterbearbeitung interessiert ist.

Durch den historischen Kontext erntete Eckhardt viel Zuspruch: „Wildfremde Menschen meldeten sich und erzählten mir ihre Familiengeschichte aus dieser Zeit. Das fand ich sehr berührend und das macht sehr viel Mut.“ Auf diese Nähe musste sich Eckhardt erst mal einlassen. „Ich hatte sicherlich eine etwas kritischere Distanz zu sozialen Medien wie Facebook. Das Crowdfunding und der damit verbundenen Aufmerksamkeit war schon ein kleiner Sprung ins kalte Wasser.“

Mittlerweile hat Carmen Eckhardt das Crowdfunding und die Berichterstattung darüber in den Film bzw. den ersten Teil davon integriert. So wurde der Besuch eines Radioreporters zum Interview und Veranstaltungen wie die in Stuttgart kurzerhand gefilmt, die Unterstützung von außen wurde Teil des Films.

Mit der ersten Crowdfunding-Stufe hat Eckhardt den Stein ins Rollen gebracht, weitere Schritte sind in Planung. Die Umsetzung wird eventuell durch eine weitere Crowdfunding-Kampagne realisiert. Der Umfang des endgültigen Films ist noch unklar. Aber: „Jetzt fühle ich mich meiner Familie und den Unterstützern gegenüber auch in der Verantwortung, das Projekt bis zum Ende durchzuziehen“, begründet sie den festen Willen, weiter an Viktors Kopf zu arbeiten. Schließlich ist das auch Teil ihrer Geschichte.

Bunjes: „In den Köpfen der Menschen liegen viele Themen, man muss sie nur erfragen“

Miriam BunjesWo haben die Medien dieses Jahr geschlafen? Für die Wahl der am ärgsten vernachlässigten Themen nimmt die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) noch in diesen Wochen Vorschläge entgegen. Wieso die Initiative, die wir bereits hier im Blog vorgestellt haben, überhaupt notwendig ist und warum die Medien sich nicht selbst bei Ihren Nutzern erkundigen, fragen wir eins der langjährigen Jurymitglieder. Die freie Journalistin Miriam Bunjes ist seit 2007 bei der INA, für die sie als Lehrbeauftragte der TU Dortmund mit den Studenten die Themenvorschläge auswertet.

Müssen wir professionellen Journalisten uns schämen, dass Themen in den Medien untergehen?  

Diesen erhobenen Zeigefinger wollen wir gern vermeiden. Wir sagen, es gibt blinde Flecken. Damit prangern wir nicht an, sondern wir geben Impulse. Damit die Themen eben doch noch veröffentlicht werden.

Die INA in 60 Sekunden from Initiative Nachrichtenauflärung on Vimeo.

Aber ihr kritisiert doch die Medien?

Wenn wir sagen, dass etwas zu wenig bearbeitet wurde, dann haben das die Journalisten und die Medien zu wenig bearbeitet. Wir wollen auch analysieren, warum es diese blinden Flecken gibt. Da sind wir dem Journalismus gegenüber schon kritisch. Vielleicht führt das auch dazu, dass über uns manchmal nicht berichtet wird.

Wie ist die Resonanz auf eure jährliche Themenliste?

Wir können uns nicht über mangelndes Interesse beklagen, wenn wir die neue Liste herausgeben. Es melden sich dann oft Kollegen, um uns zu interviewen. Im Rest des Jahres ist es stiller. Aber es gibt immer wieder inhaltliche Nachfragen, wenn jemand eins der Themen anfasst.

Greifen die Medien die Themen nach der Veröffentlichung eurer Top Ten auf?

Wie viele Artikel aufgrund unserer Initiative zu den vernachlässigten Themen erscheinen, ist schwierig zu sagen. Die Top 1 vom vergangenen Jahr zum Beispiel, die fehlende Rente für Strafgefangene, ist mit Sicherheit immer noch vernachlässigt. Bei diesem Thema liegt es sicher daran, dass hier verurteilte Täter als Opfer auftreten, die im Rentensystem ungerecht behandelt werden. Sie haben keine Lobby, es gibt auch kaum Politiker, die sich hinter dieses Thema klemmen, weil bei Fragen der Verteilungsgerechtigkeit von Rente ein Engagement für Straftäter auch öffentlich schwer vermittelbar ist. Die Fraktion Die Linke hat zwar dazu parlamentarische Anfragen gestellt – Priorität hat die politische Arbeit dazu aber auch für sie nicht..

Woher stammt euer Maßstab, anhand dessen ihr sagt, über dieses Thema sollten die Menschen mehr erfahren?

Wir diskutieren das in den Rechercheseminaren und prüfen in Mediendatenbanken, ob die Themen gar nicht vorkommen oder sporadisch. Dann wägen wir das Verhältnis ab. Wenn über ein Thema, das die breite Bevölkerung betrifft, beispielsweise dass die Antibabypille als Lifestylemittel auf von der Pharmaindustrie bezahlten Infoportalen beworben wird – unser Platz 3 vom vergangenen Jahr – nur vereinzelt Artikel erschienen sind, dann ist das nicht ausreichend. Wir diskutieren, wie viele Leute von einem Thema betroffen sind, wie man die erreichen könnte und wie viel Berichtserstattung entsprechend angemessen wäre. In den Seminaren sind wir auch oft unterschiedlicher Auffassung.

Der Maßstab ist also, was die Mediennutzer interessiert? Wäre es dann nicht besser, wenn die Medien selber in den Dialog mit den Nutzern eintreten, via twitter und facebook etwa, und sich die Vorschläge direkt abholen?

Es geht nicht nur um Themen, die interessieren. Interesse würde ja schon voraussetzen, dass das Thema in irgendeiner Form bekannt ist. Journalisten sollen alles veröffentlichen, was relevant ist, was Menschen in die Lage versetzt sich eine Meinung zu bilden über die Welt, in der sie leben. Bei der Entscheidung für oder gegen Themen wirken aber auch Dinge auf Journalisten ein – Arbeitsroutinen, das Mediensystem selbst, PR und mehr –, die sie beeinflussen und manchmal Relevantes untergehen lassen.

Austausch mit dem Publikum nutzt daher immer. Bei allen vernachlässigten Themen ist es ja so, dass irgendwer die kennt. In den Köpfen der Menschen liegen ganz viele Themen, man muss sie nur erfragen. Deswegen finde ich auch wichtig, dass wir die erste Themenauswahl mit angehenden Journalisten in der Ausbildung erstellen – damit die lernen, dass man bei der Themensuche mit Menschen spricht und nicht nur googelt oder schaut, was die anderen so veröffentlichen. Hier haben sie außerdem Gelegenheit, mal ohne den Druck in einer Redaktion Themen ergebnisoffen zu recherchieren.

Spielt open journalism in den Seminaren eine Rolle?

Die darüberstehende Idee ist eigentlich eine ethische Idee: Dass alles, was viele Menschen betrifft, öffentlich sein muss, damit alle Leute in der Lage sind, ihre Entscheidungen frei zu treffen. Das ist die Idee von Journalismus überhaupt, die wird nur manchmal vergessen.

Wieso ist es notwendig, dass eine Uni-Initiative aus Journalisten Wissenschaftlern den Redaktionen sagen muss, wie sie ihren Job besser machen können?

Dass es notwendig ist, sieht man daran, dass jedes Jahr wieder wichtige Themen auf der Liste sind. Und vermutlich gibt es auch noch mehr blinde Flecken, die bei uns gar nicht eingereicht wurden. Ich sehe nicht, dass das abnimmt.

Im Ergebnis ist es also ähnlich, ob ihr die blinden Flecken benennt, oder es die Medien direkt von den Nutzern erfahren?

Ich denke, es ist ähnlich, wir haben uns aber als Initiative zusammengeschlossen, um die blinden Flecke im Auge zu behalten. Aber wir setzen uns ja nicht zusammen, um die Themen auszudenken. Das reichen die Leute bei uns ein.

Was sind die Ursachen für die Vernachlässigung?

Die Ursachen sind sehr unterschiedlich, die Medien unterscheiden sich ja auch stark. Grundsätzlich zieht die ökonomische Schraube stärker an, vor allem bei den etablierten Verlagen. Studien zeigen, dass die Zeit für Recherchen abnimmt. Die Themen auf unserer Liste erfordern, mal um die Ecke zu denken. Es sind komplizierte Themen, wo man länger dran sitzt, wo man auch mal bei Behörden Dokumente beantragen muss, dann muss man warten, sie auswerten. Das ist in vielen Verlagen leider Luxus geworden.

An manchen Vernachlässigungen wird sich demnach wegen den finanziellen Beschränkungen kaum etwas ändern lassen, oder?

Jeder, der in einer Redaktion arbeitete, weiß ja auch, dass er sich gegen Sachen entscheidet, aus Gründen, die nicht unbedingt was mit dem Thema zu tun haben. Für dieses Thema kriege ich keine Bilder, sagt man sich, und dann wird das Thema nicht gebracht. Fernsehberichte über Psychiatriethemen zum Beispiel, da ist ganz schwer eine Drehgenehmigung zu bekommen und auch bei Betroffenen zu recherchieren birgt inhaltliche Schwierigkeiten. Der Themenbereich würde aber viele interessieren und betrifft auch eine Menge Menschen. Dazu erhalten wir auch ganz viele Vorschläge. Es wurden auch in vielen Gegenden die Auslandskorrespondenten abgezogen – entsprechend werden eine ganze Menge Themen auch nicht bekannt, weil Journalisten sie gar nicht kennen können.

Dann fehlt den Medien manchmal die Motivation, ein Thema anzupacken, obwohl es bekannt ist?

Das gibt es auch. Die Strafgefangenen-Geschichte wäre gar nicht so aufwändig. Der Grund hier ist vermutlich eher, dass man sagt, das interessiert unsere Zielgruppe nicht. Da wird oft vermutet, was die haben will, und dabei oft vergessen, dass Journalismus den schlichten Auftrag hat, alle relevanten Angelegenheiten öffentlich zu machen.

Missverstehen die Medien manchmal auch ihre Zielgruppe?

Die Zielgruppen von Medien mit großen Auflagen sind ja sehr gemischt, Aussagen über sie zu machen, ist dadurch immer sehr spekulativ. Wenn nur nach Themen Ausschau gehalten wird, die vermeintlich gut ankommen, besteht wieder die Gefahr, andere Themen zu vernachlässigen.

Karl Valentin scherzte, „Es ist doch erstaunlich, dass jeden Tag genau so viel passiert, wie in eine Zeitung passt.“ Ist es nicht normal, dass manche Themen nicht vorkommen?

Das stimmt. Natürlich gibt es einen begrenzten Raum. Allerdings werden bestimmte Themen auch ständig veröffentlicht. Politikberichterstattung mit tagesaktuellen Zitaten wird niemals vernachlässigt. Weil es unter Journalisten ein angesehenes Feld ist. Für die Bevölkerung aber ist das wahrscheinlich gar nicht so relevant. Die möchte eher mal was erklärt bekommen: was hat das für eine Auswirkung auf mich und was kann man ändern? Jede Nachrichtenauswahl ist immer eine Entscheidung gegen Nachrichten, und es stehen nicht nur wichtige Sachen in den Medien. Viel Platz wird für Klatsch und Tratsch verschwendet. Oft wundert man sich ja auch, warum das alles so ähnlich ist von taz bis FAZ.

Wie viele Vorschläge, die bei euch eingehen, stammen tatsächlich von Mediennutzern?

Der größte Teil ist von Privatpersonen, die einzelne Vorschläge übers Internet einreichen. Es gibt daneben auch welche von Journalisten, Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen.

Bis wann können für die diesjährige Kür der Top Ten noch Vorschläge eingereicht werden?

Die nächste Kür ist in rund einem Monat. Im Moment nehmen wir noch alles mit. Allerdings, wenn es ein sehr aufwändig zu recherchierendes Thema ist, kann es sein, dass wir es nicht mehr schaffen. Die Studierenden machen ja auch noch andere Sachen als unser Seminar. Man kann immer Vorschläge einreichen. Berücksichtigt werden sie in jedem Fall, notfalls dann fürs nächste Jahr. Der Aktualitätsdruck der Medien ist sowieso oft künstlich. Die meisten Themen, die uns vorgeschlagen werden, betreffen keine Ereignisse, sondern langfristig relevante Zustände – die sozialen Spannungen, die sich zum Beispiel derzeit durch die Wirtschaftskrise in Europa aufbauen, werden in den nächsten Jahren noch viele Ereignisse hervorrufen, ihre Ursachen und Auswirkungen sind aber schon jetzt nicht unsichtbar. So ist das bei vielen Themen.

Kann man grundsätzlich alles einreichen?

Wir freuen uns über alle Vorschläge. Manchmal landen allerdings auch die Internettrolle bei uns und manche Sachen werden auch ständig eingereicht. Immer wieder kriegen wir Vorschläge zur Gesundheitsgefährdung durch Mobilfunk. Viele denken, das sei vernachlässigt, weil es ihnen selbst so wichtig ist – es ist aber in den Medien immer wieder ein Thema. Da sortieren wir aus. Wir versuchen aber allen eine Rückmeldung zu geben. Manche Einreicher sind dann total sauer, gerade wenn sie selbst schon viel mit etwas beschäftigt haben.

Über die Strahlenbelastung beim Mobilfunk wird viel berichtet, nur sehr kontrovers – ist das der Grund für das Gefühl der Vernachlässigung?

Ja, man kann an der Studienlage nicht entscheiden, ob eine Gefahr besteht oder nicht. In den Medien kommen alle Positionen vor. Gerade bei solch einem Streitthema wollen viele Leute dann, dass nur ihr eigener Standpunkt berücksichtigt wird. Aber dafür ist Journalismus nicht da.

Wie ist es mit den Medien selbst – ist der Medienjournalismus vernachlässigt?

Die breite Bevölkerung macht sich, glaube ich, tatsächlich falsche Vorstellungen von Journalismus. Sie wissen gar nicht, was da im Mediensystem für Konflikte auftreten und unter welchen Bedingungen Journalisten arbeiten – obwohl sich das auch sie auswirkt – dadurch dass Journalismus ja Dinge öffentlich machen soll, die alle betreffen. Dass die Zeit zum Recherchieren fehlt, hat ganz starke Auswirkungen auf das Publikum. Da geht es nicht darum, dass Journalisten Stress haben und jammern. Das bleibt ja nicht im Beruf selbst, das dringt nach außen, weil es die Qualität beeinflusst.

Uns wurde auch diesmal wieder ein Thema aus dem Bereich „freier Journalismus“ vorgeschlagen – die Arbeitsbedingungen freier Journalisten waren 2007 auch schon mal TOP-Thema bei uns. Denn es gibt immer mehr Freie im Beruf, die häufig unter starkem ökonomischen Druck stehen – was natürlich auch ihre Themenauswahl beeinflusst.

Bröckerhoff: Twitter-Tussis sind zu wenig

Headerst_ry heißt eine geplante Videodoku, die potenzielle Zuschauer einbinden möchte. „Als Unterstützer entscheidest Du mit, welchen Weg die Mission nimmt“, wirbt Reporter Daniel Bröckerhoff auf der Crowdfundingplattform startnext.de. Für die erste Sendung möchte er auf die Suche nach seinen Daten bei google, facebook, Schufa und Meldeamt gehen. Wir sprachen mit dem freien Journalisten über open journalism beim Fernsehen.

Wie funktioniert st_ry?

st_ry soll im Grunde funktionieren wie eine Dokumentationsreihe im Netz, bestehend aus insgesamt sechs Folgen. Der Unterschied zu klassischen Dokumentationen, bei denen man alles fertig recherchiert hingesetzt bekommt: Die Zuschauer können die Recherche quasi in Echtzeit mitverfolgen und sich an ihr beteiligen, sie können Feedback geben und mitentscheiden, in welche Richtung die Dokumentation gehen soll.

Die Recherche und der Austausch mit den Supportern wird auf unserem Rechercheblog stattfinden, der gerade unter stry.tv online gegangen ist. Wir haben auch schon angefangen mit der Recherche, erste Ergebnisse kann man auf meinem Blog sehen.

Warum braucht Fernsehen die Mitarbeit der Zuschauer?

Fernsehen braucht sie nicht unbedingt, aber der Journalismus sollte sich generell seinen Rezipienten öffnen, um besser und transparenter zu werden. Wenn die Journalisten von ihrem Elfenbeinturm herunterkommen, können am Ende alle gewinnen: Die Leser und die Redaktionen.

Muss das über Crowdfunding passieren?

Nein, es „muss“ gar nichts. Wir wollten aber versuchen, den offenen und transparenten Ansatz radikal umzusetzen und haben uns gesagt: Wenn wir schon die Community an der Recherche beteiligen wollen, sollten sie das dann nicht auch selber finanzieren? Dann ist es wirklich „ihre“ Dokumentation, ganz frei von fremden Einflüssen.

Wie kann der Dialog mit den Mediennutzern gelingen?

Das Wichtigste hierbei ist für mich immer authentisch und freundlich zu bleiben, auch wenn man kritisiert oder angegriffen wird. Außerdem versuche ich, auf jede Wortmeldung zu reagieren. Bis zu einer gewissen Größe geht das auch, derzeit ist das für mich alleine handhabbar. Wenn die Projekte größer werden, braucht man dafür allerdings Leute, die einem bei der Social-Media-Arbeit helfen.

Worin besteht die wesentliche Rolle des Journalisten in diesem Modell?

Der Journalist wird in meinen Augen immer mehr zum Moderator, zum Vermittler, zum Zusammenfasser und Kurator. Das ist im Newsbereich sicherlich noch stärker der Fall als im Dokubereich. Wir bleiben auch bei st_ry Journalisten, wir sind schließlich für das Produkt verantwortlich. Und wir werden unsere ganz normale Arbeit machen. Aber dabei sind wir immer offen und transparent und sagen unserer Community, woran wir gerade arbeiten, und fragen sie, was sie davon halten.

Im Radio gab es schon immer Hörerzuschaltungen, bei den Zeitungen passiert jetzt immer mehr Richtung Recherche unter Lesern. Fernsehen hängt da noch deutlich hinterher, oder?

Ja, im Fernsehen gibt es zwar zunehmend die scherzhaft so genannte „Twitter-Tussi“, die vorliest, was im Netz so gepostet wird. Aber interaktiv ist da noch wenig. Das ZDF hat mit „Login“ zumindest schon mal eine Talk-Sendung mit Rückkanal gebaut, das ist schon ein ganz guter Ansatz.

Welchen Stellenwert hatte open journalism auf der re:publica?

Ich war glaub ich der Einzige, der zu dem Thema gesprochen hat. Das Interesse an dem Vortrag war jedoch überraschend groß, es ist trotzdem immer noch ein Nischenthema. Meinen Vortrag kann man sich auch online anschauen.

Ist open journalism nur eine Mode oder die Zukunft?

open journalism ist auf jeden Fall mehr als nur eine Mode, aber es ist nicht die Zukunft des Journalismus. Es ist ein neuer Weg, Journalismus zu machen und mit den Rezipienten zusammenzuarbeiten. Aber open journalism allein wird nicht den Journalismus ins nächste Jahrhundert hieven.

Die letzten zwei Wochen der Ausschreibung laufen, noch sind erst 4.000 von 42.000 Euro zusammengekommen. Ist Fernsehen vielleicht einfach zu teuer, um sich ganz auf die Zuschauer zu stützen?

Es wurde uns oft gesagt, dass die Summe so gewaltig klingt, dabei wäre eine Dokumentation dieser Art unter normalen Marktbedingungen mindestens ein Drittel teurer. Fernsehen ist teuer und das ist vielen Zuschauern sicher nicht bewusst. Die preisgekrönten BBC-Dokus, die fast jeder gerne sieht, kosten oft 10.000-30.000 Euro pro Minute. Hier sehe ich zum einen die Chance, den Zuschauern das einmal bewusst zu machen. An st_ry sind 14 Leute beteiligt, 6 davon im Kernteam, die müssen und sollen doch für ihre Arbeit bezahlt werden. Zum anderen wird oft gesagt, auch von Crowdfunding-Plattformen, dass Crowdfunding bei grossen Projekten nur eine Finanzierungsstütze sein kann und man unter Umständen noch andere Geldquellen auftun muss. Das haben wir bewusst noch nicht getan, weil wir sehen wollten, ob sich so ein Projekt aus dem Netz finanzieren lässt.

Wie geht es weiter?

Wir haben uns schon viele Gedanken gemacht, warum das Projekt so nicht funktioniert hat. Eine mögliche Antwort: Das Produkt ist zu unkonkret. Wir haben uns stark auf die neue Form konzentriert, aber am Ende wollen Zuschauer wissen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Und wir Journalisten verkaufen Geschichten. „st_ry fehlt die story“, fasste Sebastian Esser von Krautreporter das Problem zusammen – damit könnte er Recht haben.

Wir wollen daher sehen, ob wir die Finanzierungphase verlängern dürfen. Startnext sieht sowas eigentlich nicht vor. Dann würden wir versuchen, die st_ry-Story klarer zu machen und schon mal eine Folge auf eigene Kosten drehen, damit die Funder sehen können, worin sie investieren. Andernfalls würden wir es im Herbst noch mal versuchen, wenn wir eine Folge gedreht haben.

Fest steht: Wir glauben an die Grundidee und wollen sie nicht so einfach zu den Akten legen. Nach dem ersten mißglückten Versuch gibt man nicht einfach auf – sondern versucht es nochmal!

Macht die INA arbeitslos!

Wie stellt man fest, welche Themen in den Medien fehlen oder unterrepräsentiert sind? Naheliegend wäre es, die Mediennutzer zu fragen. Oder besser noch: dauerhaft mit diesen im Dialog zu stehen und sich über facebook oder twitter eine Rückmeldung zur täglichen Arbeit zu holen. Solange das in der Fläche der deutschen Medienlandschaft noch keine gelebte Praxis ist, hilft die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA).

Die INA, 1997 gegründet und seit 2002 im Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund beheimatet, will wichtige Nachrichten und Themen, die in den Medien nicht genügend berücksichtigt wurden, stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit bringen, und wählt dafür jährlich die zehn vernachlässigsten Themen.

Das ganze Jahr über ruft die INA auf, Vorschläge einzureichen, ausdrücklich auch Leser, Hörer und Zuschauer. Unter den eingesendeten Vorschlägen wird eine Vorauswahl von zwanzig Themen getroffen. Dies findet in den Rechercheseminaren an der TU Dortmund, der Universität Siegen und an der Macromedia Hochschule statt, wo Studierende mithilfe von Pressedatenbanken die Präsenz beziehungsweise Nicht-Präsenz in den Medien prüfen.

Eine Jury von Wissenschaftlern und Journalisten kürt schließlich aus der engeren Auswahl die Top Ten jedes Jahres. Im vergangenen Jahr landete beispielsweise auf Platz 1, dass Strafgefangene in Deutschland verpflichtet sind zu arbeiten, sie aber dafür keine Rentenansprüche erwerben. Platz 2 nahm das Thema ein, dass HIV-positive Menschen darüber klagen, in der Arbeitswelt auch in Bereichen benachteiligt zu werden, in denen ihre Infektion keinerlei Risiko darstellt. Auf Platz 3: Dass die Antibabypille für viele Frauen in Deutschland zu einem Lifestyle-Medikament geworden ist, obwohl die Informationslage für Nutzerinnen schwer durchschaubar ist.

Am 12. Juli ist es wieder Zeit für eine neue Nabelschau. Derzeit laufe die Arbeit in den Seminaren auf Hochtouren, berichtet Jurymitglied Miriam Bunjes.

Grundsätzlich ist es absolut zu begrüßen, dass es eine Einrichtung wie die INA gibt. Noch schöner wäre allerdings, wenn ihre Arbeit in den Redaktion und Verlagen auch zu einem Umdenken führen würde. Was relevant ist, wissen am besten diejenigen, für die wir Journalisten unsere Arbeit machen. Wenn wir Medien nicht länger als eine Einbahnstraße betrachteten, bräuchten größere blinde Flecken gar nicht erst entstehen, weil wir dann selbst genügend Hinweise unserer wichtigsten Informanten bekämen.

Dann müssten wir uns auch nicht von einem Team aus Wissenschaftlern – und wenn sie noch so gut ihre Arbeit machen, es ist ein Umweg – mit der Nase auf die Bedürfnisse der Öffentlichkeit zu stoßen, auf welche die INA den Focus legt. Das gilt insbesondere für die überregionalen Tageszeitungen, die sich sonst gerne auf die Fahne schreiben, Pfeiler eines öffentlichen demokratischen Bewusstseins und Stütze des sozialen Gemeinwesens zu sein. Deshalb, liebe Kolleginnen und Kollegen: Macht die INA arbeitslos!

Das Geld ist da, was nun

Pauline Tillmann hat vor ein paar Wochen über Krautreporter die Finanzierung für ihr Projekt Der flammende Tibeter zusammen bekommen. Nun hat sie quasi ein Luxusproblem, wie sie heute im Projektupdate mitteilt:

Jetzt habe ich das Geld für die Recherchereise und habe keinen Sender.

Das Crowdfunding war erfolgreich, aber kein Sender hat Interesse an dem von ihr geplanten Radiofeature bzw. kein Sender möchte Pauline der Gefahr in Tibet aussetzen. Mit den Methoden des Open Journalism versucht sie jetzt, das Projekt anders als bisher geplant zu realisieren und bittet ihre Unterstützer um Ideen und Anregungen, wie sie das Ganze umsetzen soll.

Meine Tipps für Pauline:

  • Erstmal weiter so, Du bist auf dem richtigen Weg!
  • Als crossmediales Erzählformat wird die Geschichte mindestens genauso interessant wie als Radiofeature (da ich eher visuell veranlagt bin, würde ich ein Radiofeature sowieso nicht bis zum Ende durchhalten)
  • Mich kann man mit Interaktivität locken. Beispiel: 5 Personen zur Auswahl und ich kann auf einer Webseite auswählen, wessen Geschichte ich lesen/sehen/hören möchte. Ein tolles Beispiel hierfür ist Prison Valley von arte.
  • Aus dem gesamten Material kannst Du nachher ein interaktives E-Book zB für das iPad machen und weitere Einnahmen erzielen.
  • Bitte sei vorsichtig.

Open Journalism im Radio: BR Puls

Das Medium Radio war schon immer irgendwie empfänglicher für seine Zuhörer. Call-In-Sendungen wie Domian im WDR sind legendär. Da das relativ simple technische Hilfsmittel Telefon benutzt wurde, war man auch ganz unabhängig vom Internet. Und so wurden open journalism und Crowdsourcing quasi praktiziert, bevor der Rest der Welt wusste, was das ist. Zu diesem Blogbeitrag hat mich der folgende Tweet inspiriert:

Und dann bin ich heute auf Puls gestoßen (worden). Das ist sozusagen die Jugendwelle des Bayerischen Rundfunks. Puls bindet die Zuhörer per Smartphone-App ein. So können zu einzelnen Sendungen Audioaufnahmen und Bilder eingereicht werden. Damit sammeln die Radiomacher ihre O-Töne nicht mit dem Mikro z.B. in der Fußgängerzone ein, sondern machen es sich bequem und lassen sich diese direkt ins Studio liefern. Darauf muss man erst mal kommen.

Die App gibt es fürs iPhone und für Android-Geräte. Sie fungiert dabei als Programmplaner, zum Abspielen des Live-Streams und eben für das Einreichen des User-generated-content. Damit nicht rechtlich fragwürdiges Material an den Sender geschickt wird – hier muss man sich mal bewusst machen, wer denn jetzt eigentlich der Sender ist – gibt es in der App in den  Nutzungsbedingungen einige Hinweise. Nutzer sollen nichts einreichen, was Persönlichkeits- und Urheberrechte verletzt. Die Haftung bei einem Verstoß wird dem Nutzer auferlegt.

Anders als gewisse große Internetdienste weist der BR darauf hin, dass alle Daten, die aus der App stammen, nicht weiterverwendet werden, der Datenschutz soll gewahrt bleiben. Und eine kommerzielle Nutzung wird ebenfalls ausgeschlossen: Inhalte der Nutzer sollen allein redaktionellen Zwecken dienen.

Puls wirbt mit “Nie war es leichter, sich am Radioprogramm von PULS zu beteiligen.” Bei der aktuellen Verbreitung von Smartphones in der Zielgruppe von Puls mag das zutreffen. Apps machen es da wirklich sehr einfach, weil sie es auch technisch unbedarften Nutzern ermöglichen, sich einzubringen, und das Ganze ist sehr niedrigschwellig angelegt. So kann open journalism aussehen und das muss so nicht aufs Radio beschränkt sein. Jedes Medium kann seine App (da gibt es schon viele von) um einen Button erweitern, mit dem eine Beteiligung der Nutzer möglich ist. Und vielleicht folgen dem Beispiel von Puls demnächst noch mehr Medien.

Beteiligung erwünscht: die App von Puls

Beteiligung erwünscht: die App von Puls

Die Nutzungsbedingungen (Ausschnitt) der Puls-App

Die Nutzungsbedingungen (Ausschnitt) der Puls-App