Und Erfolg kommt von Folgen

Heribert Prantl hielt vor Kurzem eine Rede über die Zukunft des Qualitätsjournalismus vor dem österreichischen Zeitungsverband. Für sich betrachtet kann man diesem Vortrag in vieler Hinsicht zustimmen, für einen Autor der Süddeutschen Zeitung, die mit dem Projekt Die Recherche gerade einen mutigen Schritt voran gemacht hat, bleibt die Vision aber nach meinem Empfinden etwas dünn. Sie nimmt zwar das Internet in den Blick, ist auf diesem Auge aber etwas kurzsichtig. Ich möchte deshalb entlang einiger Passagen diese Vision etwas weiterführen. In der linken Spalte finden sich Zitate von Prantl, rechts eine denkbare Ergänzung im Sinne des open journalism.

Heribert Prantl

Ergänzungen nach open journalism

„Zeitungen sind systemrelevant. …Zeitungen backen das tägliche Brot der Demokratie.“ Nicht nur die Zeitungen sind systemrelevant. An einer anderen Stelle spricht Prantl von der gesamten Presse, was deutlich stimmiger ist. Qualitätsjournalismus verändert sich in Zeiten von Social Media, nimmt auch neue neue Formen an.
„Pressefreiheit ist nicht die Freiheit zu bequemer Berufsausübung; sie ist vor allem die Pflicht zur Aufklärung.“ Nicht nur Journalisten haben eine Pflicht zur Aufklärung. Sie sollten ihr Publikum auch nicht als gänzlich unaufgeklärt betrachten, sondern wenn möglich einbinden.
„Es [das Internet] erreicht das Publikum im Idealfall in Echt-Zeit. Es verfügt also über eine Fähigkeit, die eine Zeitung bei allergrößtem Bemühen nicht erreichen kann.“ Hier mag es noch angehen, von „dem“ Internet zu sprechen. Es ist aber kein homogenes etwas, es gibt Blogs, Foren, Social Media und auch Onlinezeitungen. Der Dualismus ist trügerisch. Das Internet ist kein Konkurrent des Journalismus. Es hat die Zeitung auch nicht übertrumpft. Sondern es gibt ihr neue Ressourcen und Verbreitungswege an die Hand.
„Die Stärke des Internets ist die Rasanz, die Stärke der Zeitung die Analyse. … all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt.“ Auch Zeitungen finden online statt, sie sind nicht abgehoben und getrennt vom Internet. Im Internet ist nicht nur die Echt-Zeit abgebildet, sondern es bietet gleichermaßen Platz für Zeitloses. Die Zeit Online beispielsweise setzt zunehmend auf lange Geschichten.
„Die Zeitung kann Wegweiser sein im Wirrwarr; sie kann Informationen destillieren, konzentrieren, auswerten, bewerten.“ Um Wegweiser im Internet zu sein, sollten sich die Zeitungsmacher im Internet auskennen, Kommunikation in beide Richtungen wagen, eine Reaktion des Publikums suchen und empfänglich dafür sein.
„Eine solche Tageszeitung wird dann eine Solidarität und eine Autorität haben, von der das Internet nur träumen kann.“ Um Autorität und Solidarität im Internet zu haben, muss man vor allem dort präsent sein.
„Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie noch wichtiger als bisher. Gegen Datentrash hilft, wie gesagt, nur kluge Analyse und Hintergrundbildung.“ Gute Redakteure können aus dem Internet viel herausholen, weil es eben nicht nur Datentrash enthält, sondern viel Wissen. Journalisten brauchen dafür neue Fähigkeiten, wie kuratieren, crowdsourcen und mit den Mediennutzern in den Dialog treten.
„Ein guter Journalismus muss wegen der den Blogs nicht Heulen und Zähneklappern kriegen: er kann dem Blog dankbar sein, wenn und weil er seine Lücken substituiert und seine Fehler aufzeigt.“ Nicht die einen zeigen die Lücken der anderen auf: gemeinsam kommt man weiter. Blogs sind ein Teil des Internets, Onlinezeitungen ebenfalls. Es gibt einen fließenden Übergang zwischen Laien und Profis.
„Umfragen über das Image von Journalisten fallen nicht sehr glänzend aus.“ Schlechte Umfrageergebnisse liegen auch an der vormaligen Verschlossenheit der Journalisten, die oftmals von oben herab Weisheiten verkündeten und sich zu selten eine Rückmeldung holten, wie das bei dem von ihnen beschallten Publikum ankam.
„Die große Frage lautet: Wie schafft man Vertrauen?“ Vertrauen schafft man u.a. durch Nähe zu den Nutzern, indem man sich Rückmeldungen holt, Anregungen aufgreift und sie mitreden lässt.
„Leidenschaftlicher Journalismus muss das Internet nicht fürchten, im Gegenteil. Man sollte damit aufhören, Gegensätze zu konstruieren – hie Zeitung und klassischer Journalismus, da Blog mit einem angeblich unklassischen Journalismus. … Es gibt guten und schlechten Journalismus, in allen Medien. So einfach ist das.“ Wir brauchen jedoch eine Antwort darauf, dass Journalismus an seinen Rändern ausfranst, dass Laien mit Blogs, Twittermeldungen und dergleichen für Furore sorgen, manche sogar ein Stellenangebot von Redaktionen erhalten. Wir sollten einsehen, dass diese Grenze zwischen Journalismus durch Laien hier und Profis dort offener und durchlässiger geworden ist. Dann können wir sie für uns nutzen und vom Wissen der Laienschreiber profitieren. (Das Internet ist außerdem mehr als nur Blogs.)
„Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als nach der digitalen Revolution.“ Ungleich stärker als das Publikum ist die Zahl der potenziellen Informanten gewachsen. Es ändern sich auch die Gewohnheiten der Mediennutzer. Die umfassender informierte Allgemeinheit stellt andere Ansprüche an Journalismus und will mitreden.
„Es wird daher, und in den Zeiten des Internets mehr denn je, gelten: Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual.“ In Zeiten des Internets gilt vor allem: Die Mediennutzer bringen vereinzeltes Spezialwissen mit, das der Journalist nicht hat und sich zunutze machen sollte. Erfolg kommt nämlich von Folgen.
„Ich wünsche uns allen diese glänzende Zukunft. Dieser Glanz misst sich nicht unbedingt an einem gewaltigen Einkommen. Er besteht in dem Stolz, wenn man sagen darf: Wir backen für Sie das tägliche Brot der Demokratie.“ Glanz und große Worte finden sicher auch die jüngeren Kolleginnen und Kollegen gut. Viele empfinden sich wohl die meiste Zeit einfach als Teil einer Gemeinschaft, für die sie eine Dienstleistung erbringen. Sie haben Spaß daran, dazuzugehören und das Brot der Demokratie gemeinsam mit anderen zu backen. Für diese Dienste wollen sie angemessen bezahlt werden, auch darin kommt die Wertschätzung der Gesellschaft für die Leistung zum Ausdruck.

Viele andere Ausführungen in der Rede von Prantl finde ich wie gesagt vollkommen richtig und wichtig. Es ist ein starkes Plädoyer für Leidenschaft, Mut und demokratischen Gestaltungswillen. Ich habe dem nichts gegenüberstellen wollen, sondern einige Ideen hinzugefügt, um die Vision von Qualitätsjournalismus etwas anzureichern.

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