Wie die taz indirekt open journalism fordert

Gestern hat die taz einen Beitrag zur Medienkrise veröffentlicht. Ich persönlich wehre mich ja gegen den Begriff Medienkrise. Der impliziert, dass es sich um eine vorübergehende Krise handelt. Daran glaube ich nicht. Wenn ein Medienhaus einmal den Rotstift angesetzt hat, bleibt es dabei. Aus der Krise können sich wir Journalisten nur selbst befreien. Die taz nennt das „Mehr Mut“. Die geforderten Ansätze kommen dem Prinzip des open journalism schon sehr nahe.

Es gibt einen Sinn in diesem Absturz: Journalisten, deren Aufgabe es ist, sich in die Welt zu begeben, müssen sich in die Welt begeben. Alles neu. Räumt eure Schreibtische. Geht auf die Straße, da ist das Leben, das wir kennen müssen, wenn wir schreiben.

Also direkter Kontakt mit dem Leben und den Lesern und Zuschauern. Klar, vom Schreibtisch aus mit Google lässt sich vieles recherchieren. Aber das kann jeder, das ist nichts Besonderes. Die Journalisten, die so recherchieren, werden ihre Daseinsberechtigung verlieren, sofern sie es nicht schon getan haben. Wir brauchen meiner Meinung nach wieder mehr Reporter, die vor Ort dabei sind. Die Eindrücke erfassen, Stimmungen einfangen und wiedergeben.

Ja Ihr Journalisten, sprecht mit Menschen. Was bewegt die Menschen da draußen. Ich denke, dass viele Medien an Relevanz verlieren, weil sie an den Menschen vorbei veröffentlichen. Neue Entwicklungen abseits des Mainstreams können zu neuen Themen werden. Doch es braucht in der Tat mutige Journalisten, die diese Themen umsetzen und den Mut haben, sie auch gegenüber Ressortleitern und Chefredakteuren zu verteidigen. Zur Not in Eigenregie im eigenen Blog.

Die taz schreibt weiter:

Journalisten werden ewig gebraucht, immer und überall, solange es Missstände gibt.

Na und ob. Missstände haben wir doch genug: #imcoolstenlandderwelt beweist das. Hier sind Journalisten gefragt, die die Missstände auch sehen. Wenn ich durch die Straßen meiner Stadt gehe und mir Dinge auffallen, die nicht funktionieren oder kaputt sind, kann ich mich sowohl als Bürger als auch als Journalist informieren, warum das so ist. Hat die Stadt keine Ahnung vom Schlagloch? Fehlt das Geld? Oder der politische Wille? Alles spannende Themen für Journalisten.

Und wenn ich sowieso schon unterwegs bin, kann ich auch gleich mit den Menschen sprechen, die unmittelbar davon betroffen zu sein scheinen. Kopfhörer raus und reden. Auch das erfordert Mut. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sich die E-Mail leichter schreibt als dass ein Anruf gemacht wird.

Hier kann ich mein Publikum auch ideal im Sinne des open journalism einbinden. Bleiben wir bei der Geschichte mit dem Schlagloch. Ich informiere über das Schlagloch und sammele Meinungen. Das wird veröffentlicht. Gleichzeitig geht die Anfrage an die Stadt heraus. Die Antwort wird wieder veröffentlicht. Ich recherchiere weiter. Die Geschichte entwickelt sich, bekommt vielleicht eine neue Wendung, mehr Menschen melden sich auf das Thema usw.

Die Geschichte entwickelt sich immer weiter. Und mein Publikum erfährt von dieser Entwicklung, nimmt an ihr Teil und beeinflusst sie. Das ist mutig. Welcher Journalist lässt sich schon gern von einem Laien in seine Arbeit reinreden? Wir müssen da auch unseren Allwissenheitsanspruch ein wenig aufgeben. Informationen sind im Internetzeitalter kein knappes Gut mehr.

Eines muss man der taz bei der Forderung nach mehr Mut anlasten: Als sowieso immer schon anders denkende Freigeister ist diese Meinung einfach zu vertreten.

Die Frage ist nur: Wie lange können sich die herkömmlichen Medien es sich noch leisten, herkömmlich zu arbeiten.

Timo Stoppacher

Veröffentlicht von Timo Stoppacher

Journalist, Sachbuchautor und Dozent. Nerd, Geek und vieles mehr. Weitere Profile von mir: @CGNTimo, Facebook (Person), Facebook (Seite) und Google+.

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