“Wir Hyperlokale sind die Themen-Trüffelschweine der Branche”

Die Arbeitsteilung bei den Prenzlauer Berg Nachrichten ist klar: Die Leser machen Vorschläge, das Schreiben übernehmen aber Journalisten – beziehungsweise die Journalistin, denn außer Juliane Wiedemeier auf der einzigen Vollzeitstelle wird es dünn. Um weitere, freie Mitarbeiter zu beschäftigen, fehlt meist das Geld. Über die Gründung einer hyperlokalen Online-Zeitung und die Bedeutung von Leserpost berichtete Wiedemeier beim Stammtisch des JVBB.

Juliane Wiedemeier, Foto: Alexander CzekallaDie Prenzlauer Berg Nachrichten werden neben dem Heddesheimblog, der Tegernseer Stimme und den Ruhrbaronen oft als Vorzeigeprojekt im hyperlokalen Journalismus genannt. Angefangen haben sie 2010, als Wiedemeier auf Phillip Schwörbel traf, der die Idee für das Projekt und etwas Geld mitbrachte. Schwörbel hatte unter anderem für Bertelsmann, die Ufa und für Gesine Schwan gearbeitet. Er übernahm den betriebswirtschaftlichen Part, Wiedemeier, die bei der Braunschweiger Zeitung volontiert hatte, den journalistischen.

Nach einem halben Jahr Vorbereitung ging die Seite online. Wiedemeier kannte die Bezirksstrukturen ein wenig, weil sie auch schon unter anderem für die taz über Berliner Themen geschrieben hatte. Jetzt baute sie gemeinsam mit ihren Kollegen ein Netz auf, klopfte bei den Stadträten an, ging zu den Sitzungen des Bezirksparlaments und knüpfte Kontakte zu Vereinen. „Themenfindung ist im Lokalen, wo es keine Agenturberichterstattung gibt, eine Herausforderung. Mittlerweile haben wir gut funktionierende Informationskanäle, und auch von unseren Lesern bekommen wir immer wieder Tipps.“

Diese Hinweise aus der Leserschaft sind wichtige Beiträge. Manchmal ist es nur eine Angabe, dass irgendwo ein Baum gefällt wurde. Manchmal stoßen sie aber tolle Artikel an. „Wenn sich jemannd bei uns meldet, der nach einer Sanierung plötzlich die doppelte Miete zahlen muss, obwohl die Außenklos drinbleiben, schauen wir uns das natürlich an“, berichtet Wiedemeier. Solche Tipps sind unverzichtbar. „Als Redaktion kann man schließlich nicht überall im Bezirk sein.“

In der Startphase kam es drauf an, herauszufinden, was im Prenzlauer Berg wichtig ist. Ein Themenproblem haben sie jetzt nicht mehr, nun kommt es drauf an, zu selektiveren und Prioritäten zu setzen. Auf Themen wie die Eröffnung eines neuen Zebrastreifens verzichten die PBN bewusst. Ein bis zwei Artikel erscheinen pro Tag. Von den Lesern erreicht sie in einer Woche auch mal keine Post, in anderen bis zu fünf Vorschläge. „Es gibt auch besonders Pfiffige, die schreiben, ein Bekannter habe gerade ein interessantes Geschäft aufgemacht – die verweisen wir dann an unsere Anzeigenabteilung.“

„Wir sind kein Leserreporter-Portal“, betont Wiedemeier. Sie hält wenig von den Versuchen anderer Verlage, ihren Lesern die lolale Berichterstattung zu überlassen. Damit wollten die Verlage kostengünstig das Hyperlokale abdecken. So klappe es aber eben nicht. „Es ist ein Unterschied, ob jemand Betroffenes aus seiner subjektiven Sicht ohne journalistische Standards schreibt, oder ein ausgebildeter Journalist.“ Die Prenzlauer Berg Nachrichten seien ein „rein journalistisches Projekt“.

Die Qualität kommt auch gut an: Wiedemeier beobachtet regelmäßig, dass Tageszeitungen ihre Artikel aufgreifen und die Themen selber bearbeiten. „Die Geschichten wandern dann durch die Blätter. Wir Hyperlokale sind die Themen-Trüffelschweine der Branche.“

Überregional Aufsehen erregte ein Artikel über ein Café, das mit einem Poller vor der Tür Kinderwagen fern hielt. Lange Zeit die erfolgreichste Story der Prenzlauer Berg Nachrichten. Noch größere mediale Verbreitung erfuhren nur die Rückflugtickets, welche die NPD an Abgeordnete mit Migrationshintergrund verschickte.

Sie schaue sich das an, ärgere sich darüber aber nicht, sagt Wiedemeier. Es bestätigt sie eher in ihrem Anspruch: „Wir machen Lokaljournalismus mit Niveau.“ Derzeit hat ihre Online-Zeitung bis zu 50.000 Visits pro Monat. Etwa ein Drittel der Besucher kommt über facebook, wo Wiedemeier täglich zwei bis drei Dinge postet.

So kommt es, dass auf der Einkommensseite der PBN noch Luft nach oben ist. Das Geldverdienen mit journalistischen Inhalten im Internet ist auch im Lokalen schwer. Zudem folgt die hyperlokale Website ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten. Beispielsweise ist die Seite nicht Klick-optimiert: eine Bilderstrecke wird nur als ein einziger Klick gezählt.

Schwörbel und Wiedemeier versuchen, die Werbekunden lieber von den qualitativen Vorzügen ihrer Leserschaft zu überzeugen. Klassische Anzeigen, um deren Verkauf sich Schwörbel bemüht, sind das wichtigste Standbein. Dazu kommen noch langfristige Anzeigen von lokalen Geschäften und Solidaritätsabos.

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